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Dr. Ronny Tekal, Medizin-Kabarettist
 
Leben 7. Juli 2017

Abschalten will gelernt sein

Über die Schwierigkeit, sich im Urlaub zu entspannen.

Traditionell darf ich mich mit dieser Kolumne in den Sommer verabschieden. Die Ärzte Woche macht Pause und ich auch. Schließlich wäre es zu mühsam, jedem einzelnen Leser in dieser druckfreien Zeit meine Kolumne auf einen Zettel zu schreiben und vorbeizubringen. Im waghalsigen Selbstversuch bemühe ich mich, während des anstehenden Urlaubes im Süden auch nicht an den Inhalt der nächsten Kolumne zu denken. Was schwierig ist. Denken Sie mal nicht an eine Kolumne. Was fällt Ihnen sofort ein? Na eben.

Wer sich vorgenommen hat, im Urlaub ausschließlich zu entspannen und sein Gehirn auf Stand-by zu schalten, hat die Rechnung ohne sein Gehirn gemacht. Bei einer geschlagenen Woche Urlaub brauchen wir drei Tage, um runterzukommen, und die restliche Zeit, um das frühzeitige Ende der Ferienzeit zu beklagen.

Auch Medizinern fällt das Abschalten schwer. Selbst wenn man auf der mühsam ergatterten Strandliege („Ich bin Arzt, lassen Sie mich durch“) in Pole-Position der ersten Reihe entspannt, rattert es in den Gehirnwindungen: Hab ich das Gas auch wirklich abgedreht? (wenn Sie Anästhesist sind), Wo hab ich meine Schlüssel liegen gelassen? (wenn Sie Bauchchirurg sind), Was ist das für eine umschriebene erythro-squamöse Effloreszenz? (wenn Sie als Dermatologe einen anderen Urlauber auf der Nebenliege betrachten) und Was ist das für ein Spanner (wenn Sie die Person auf der Nebenliege sind). Unser Gehirn kommt einfach nicht zur Ruhe. Manche buchen, um der Entspannung ein wenig auf die Sprünge zu helfen, Massage-, und Meditationseinheiten dazu. Doch unter den sanften Händen eines spanischen Masseurs denkt man an die von ihm verabsäumten Triggerpunkt-Techniken, die jetzt so hilfreich wären. Und auch während der Meditation hat man stets das Bild der erythro-squamösen Effloreszenz vor Augen. Wer soll dabei entspannen, wenn sich die Patienten sogar in die Trance einmischen.

Die Medizin fährt mit: Ist der Kollege, der hier die Klinik unter Palmen leitet, tatsächlich qualifiziert? Verdient er gar mehr? Möchte man mit diesem Kollegen tauschen? Verdient vielleicht der spanische Masseur sogar mehr als ich? Obwohl er nicht einmal weiß, was ein Triggerpunkt ist? Und wieder führt ein Gedanke zum nächsten, man träumt wild von Schlüsseln in Patientenbäuchen, seltsamen Hautausschlägen und dem Inhalt der kommenden Kolumne. Bis man sich selbst eine Nachdenk-Karenz verschreibt, ein gutes Buch zur Hand nimmt und versucht, die Gedanken an die Arbeit damit zu verdrängen. Doch wann hatte man zuletzt ein Buch in Händen, das keine medizinische Fachlektüre war? Kann man nach dem Lesen dieses Romans im Rahmen des DFP-Literaturstudiums Fragen beantworten, um Fortbildungspunkte zu bekommen? Irgendwann wird es jedem Gehirn zu bunt, sich mit solcherlei Fragen zu beschäftigen, und es begibt sich ganz von selbst in den Ruhemodus. Spätestens dann, wenn wir wieder zu Hause sind. In diesem Sinne: Einen erholsamen Urlaub!

Dr. Ronny Tekal ist Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at

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