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© aja84 / Getty Images / iStock
Bereits heute suchen tausende EU-qualifizierte Pflegekräfte das Weite; was bleibt im März 2019 vom NHS übrig?

Arndt Striegler ist seit über 20 Jahren Korrespondent von Springer Nature.

© Privat

 
Leben 7. Juli 2017

Ärzte verlassen die sinkende Insel

Brexit-Blog. In Großbritannien grassiert der Pessimismus – eine Folge der Ungewissheit, wie es im Gesundheitswesen nach dem EU-Ausstieg weiter gehen soll. Springer Nature-Korrespondent Arndt Striegler schreibt darüber.

Es ist leicht, in Zeiten des Brexit und dessen ungewissem Ausgang pessimistisch zu sein und das Schlimmste zu befürchten. Brexit-Gegner hier in Großbritannien malen bereits jetzt, noch bevor die Austrittsverhandlungen zwischen Brüssel und London überhaupt richtig begonnen haben, ein düsteres Bild an die Wand: Massenflucht von Ärzten und Krankenpflegepersonal aus Großbritannien, Versorgungsnotstände in der Primärmedizin und quasi der Kollaps des staatlichen Gesundheitswesens (National Health Service, NHS).

Wird das alles Wahrheit, wenn Großbritannien im März 2019 nach fast einem halben Jahrhundert EU-Mitgliedschaft den Staatenbund verlässt? Niemand weiß es. Und vieles wird davon abhängen, was beim Brexit-Poker zwischen Brüssel und London letztendlich heraus kommen wird.

Wenige Details sorgen für Unmut

Soll heißen: Brexit sorgt aktuell vor allem für große Unsicherheit. Bei Ärzten, beim Klinik- und Praxispersonal, auch bei Patienten wie mir. Die Tatsache, dass Premierministerin Theresa May nach wie vor nicht sonderlich viele Details, wie sich die Briten ihr Goodbye von der EU konkret vorstellen, auf den Brüsseler Verhandlungstisch legt, verstärkt dieses mulmige Gefühl der Ungewissheit.

Dass es kein gutes Gefühl ist, nicht zu wissen, wie es mit der persönlichen Lebens- und Karriereplanung nach März 2019 weitergehen wird, zeigen viele Gespräche, die ich in den vergangenen Wochen mit britischen Ärzten führen konnte. „Ich weiß nicht, ob ich nun besser meine Koffer packen soll um mich um eine Festanstellung in Spanien zu bemühen oder nicht“, gestand mir eine spanische Allgemeinärztin, die seit vier Jahren in jener Londoner Hausarztpraxis praktiziert, in der ich seit Langem Patient bin.

David Davis ist guter Dinge

Große Unsicherheiten, wo man hinschaut. Ob in den Kliniken, wo bereits heute tausende EU-qualifizierte Pflegekräfte das Weite suchen, weil sie nach März 2019 lieber in der EU arbeiten möchten, als in einem Nicht-EU-Land wie Großbritannien? Oder bei Patienten, die sich – je nach Staatsangehörigkeit – entweder sorgen, wer sie nach März 2019 pflegen soll (betrifft Briten), oder ob sie auch weiterhin vollen Anspruch auf alle Gesundheitsleistungen durch den NHS haben werden (betrifft EU-Bürger, die in UK leben und arbeiten)?

In diesen ungewissen Zeiten freut man sich umso mehr, wenn ein britischer Brexit-Politiker eine klare Ansage macht. So geschehen vergangene Woche, als Chef-Unterhändler David Davis sagte, dass Großbritannien auch nach dem EU-Austritt weiterhin im Rahmen der European Health Insurance Card (EHIC) die Behandlungskosten für britische Patienten im EU-Ausland zahlen werde.

Mister Davis wörtlich: „Wir werden versuchen, dafür zu sorgen, dass bei EHIC, trotz Brexit, alles so weiter laufen kann wie bisher. Wenn das nicht möglich ist, dann wird Großbritannien in jedem Fall anstreben, auch weiterhin die Behandlungskosten für britische Touristen, die in der EU Urlaub machen, zu bezahlen.“ Schön. Das klingt erst einmal positiv und stimmt optimistisch. Und Optimismus wird dringend gebraucht, solange nicht klarer ist, wohin die Brexit-Reise genau gehen wird.

Der Brexit-Blog:

http://bit.ly/2tL8GRl

Arndt Striegler/ ÄZ

, Ärzte Woche 28/2017

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