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Unbenannt 

Elisabeth Oberzaucher

Homo urbanus

Springer Verlag 2017, 261 S., Softcover 17,50 Euro

ISBN 978-3-662-53837-1

 

 
Leben 7. Juli 2017

Gesund bleiben in der Stadt

Buchtipp

Lebensstil. Macht uns das Stadtleben krank? Nein, nicht unbedingt, meint die Verhaltensbiologin Elisabeth Oberzaucher vom Wiener Verein „Urban Human“. Aber das Stadtleben stellt uns vor Herausforderungen, mit denen unsere steinzeitlichen Vorfahren sicher nie zu kämpfen hatten – und darauf sollten wir reagieren.

Hunderte Menschen drängen sich in die heiße, stickige U-Bahn. Wildfremde Leute werden aneinandergequetscht und rasen gemeinsam dahin, tief unter der Erde, in einem Metallgehäuse, aus dem sie aus eigener Kraft gar nicht mehr entkommen könnten. Trotzdem bleiben alle ruhig, sind davon überzeugt, dass sie an ihr Ziel gelangen, dass die Türen aufgehen und sie friedlich aussteigen werden.

Keine andere höhere Spezies würde so etwas ohne wilden Protest mit sich geschehen lassen, aber für Menschen in der Stadt ist das ganz normal. Im Lauf der vergangenen paar tausend Jahre hat sich unser Lebensstil ziemlich weit von dem entfernt, was unsere steinzeitlichen Vorfahren gewohnt waren. Und dabei, so könnte man meinen, haben wir uns auch von dem entfernt, wofür uns die Evolution ausgerüstet hat. Macht uns dieser unnatürliche Lebensstil krank? Wir hören viel von artgerechter Tierhaltung. Ist Stadtleben denn noch artgerechte Menschenhaltung?

Durchaus – wenn man die Städte richtig gestaltet. Man soll die Bedeutung der Evolutionsbiologie auch nicht überschätzen, meint die Verhaltensbiologin Elisabeth Oberzaucher. Sie setzt sich in ihrem aktuellen Buch „Homo Urbanus“ mit der Frage auseinander, wie die Biologie unser Verhalten beeinflusst und was wir daraus für das Planen gesunder, lebenswerter Städte lernen können.

Krankmacher: Stress und Lärm

„Natürlich haben wir gewisse Vorlieben und Bedürfnisse, die sich durch einen Blick in unsere Evolutionsgeschichte verstehen lassen – etwa unsere Vorliebe für Pflanzen und Wasser, oder das Bedürfnis nach geschützten Räumen“, sagt Oberzaucher. „Doch es wäre falsch zu glauben, die Evolution hätte uns auf eine ganz bestimmte Art programmiert, so wie ein Computer programmiert ist und fest vorgegebenen Regeln gehorchen muss.“ Dass es beinahe während der gesamten evolutionären Entstehungsgeschichte des Menschen keine Städte gab, heißt nicht, dass Städte schlecht für uns sind. Unser biologisches Erbe ist ein Teil von uns – aber eben nur ein Teil. Die Stärke des Menschen liegt in seiner Flexibilität.

Unsere Städte haben wir selbst entwickelt, und dabei haben wir auch uns selbst und unsere Bedürfnisse ständig verändert. So haben wir uns eine Lebensqualität erarbeitet, von der unsere Vorfahren nur träumen konnten – mit sauberem Wasser, das direkt ins Badezimmer fließt, mit wohliger Wärme im Winter und klimatisierten Räumen im Sommer. Manche dieser Veränderungen haben freilich auch Nebenwirkungen, die uns schaden können.

„Der wichtigste Faktor, der uns in der Stadt krank machen kann, ist der Lärm“, sagt Elisabeth Oberzaucher. Dabei spielt der Straßenverkehr eine entscheidende Rolle: „Autolärm hat eine spezielle Qualität, die für uns besonders unangenehm und stressfördernd ist. Andere Geräusche, etwa sprechende Menschen oder rauschende Gewässer, wirken sich auf unsere Gesundheit weit weniger schwer aus.“ Verkehrslärm wird mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung gebracht.

Trotzdem nehmen die meisten Menschen den Lärm des Straßenverkehrs immer noch als etwas Selbstverständliches hin: „Der Lärm, der durch eine neue Flugpiste entsteht, wird rasch zum Politikum, doch der alltägliche Straßenverkehrslärm wird erstaunlich wenig thematisiert“, meint Oberzaucher.

Ungesunder Stress kann aber auch einfach dadurch entstehen, dass wir uns von der Vielzahl der Menschen um uns überfordert fühlen. Wir können nicht beliebig viele Beziehungen zu anderen Menschen eingehen. Irgendwo gibt es ein kognitives Limit, das die Größe unseres sozialen Netzwerks beschränkt – oft wird diese Zahl, genannt „Dunbar’s Number“, mit 150 angegeben.

Das bedeutet, dass Stadtleben nur funktionieren kann, wenn wir den Großteil der Menschen um uns ausblenden und nicht als Teil unseres sozialen Netzes sehen. „Vielleicht ist das ein Grund, warum es in sozialen Berufen so hohe Burn-Out-Raten gibt“, vermutet Elisabeth Oberzaucher. „Zu viele zu rasch wechselnde Beziehungen sind belastend.“

Daher ist das Schaffen von Rückzugsgebieten in der Stadtplanung und der Architektur ganz entscheidend. Öffentliche Plätze, wie wir sie etwa in mediterranen Städten so lieben, wirken dann angenehm, wenn sie geschützte Winkel bieten, wenn sie strukturiert sind, wenn es Sitzgelegenheiten gibt, an denen man nicht von allen Seiten beobachtet werden kann.

Mehr Pflanzen!

Noch viel wichtiger ist das Gefühl geschützter Privatsphäre in der eigenen Wohnung. Wir brauchen unseren Rückzugsraum, wo wir machen können was wir wollen, ohne dass die Nachbarn es mitbekommen. „Für die Beziehung zwischen Nachbarn ist es ganz schlecht, wenn die Wände zu dünn sind und man jedes Wort aus der Nachbarwohnung hören kann“, weiß Elisabeth Oberzaucher. „Es gab Wohnungen, die man schallisoliert hat – und kaum haben die Nachbarn einander nicht mehr täglich gehört, begannen sie plötzlich, einander auf dem Gang freundlich zu grüßen.“

Viel urbanen Stress könnten wir reduzieren, wenn wir unsere Städte ein bisschen grüner gestalten würden, ist Oberzaucher überzeugt. Pflanzen in der Stadt machen die Luft sauberer, das Stadtklima besser, sie absorbieren Schall und sie können im öffentlichen Raum als natürlicher Sichtschutz dienen.

Schon der bloße Anblick grüner Pflanzen hat eine Wirkung auf uns Menschen: „Man hat den Genesungsprozess von Patienten analysiert, abhängig davon, ob sie vor dem Fenster einen Baum stehen hatten oder auf andere Gebäude blickten“, erzählt Oberzaucher. „Dabei zeigte sich, dass die Patienten mit Blick auf Pflanzen weniger Medikamente brauchten, insbesondere kamen sie mit weniger Schmerzmitteln aus, und ihr Wohlbefinden war insgesamt besser.“

Städtisches Grün liegt im Trend – längst nicht mehr nur in Gestalt von Schrebergärten am Stadtrand, in denen man sich zwischen meterhohen Sichtschutzhecken und rotbemützten Gartenzwergen die Illusion von Naturnähe zurechtjätet, sondern in vielfältiger, moderner Form: Fassaden werden begrünt, um natürliche Klimaanlagen zu schaffen.

Guerilla-Gardening wird zum popkulturellen Trend. Bisher ungenutzte Flächen im öffentlichen Raum werden mit Blumen verschönert oder sogar mit Obst und Gemüse bepflanzt, das man dann direkt vor der Haustüre ernten kann. Oberzauchers Forschungsgruppe hat die Auswirkungen dieser Tätigkeit untersucht. Wie sich zeigte, macht diese Art von Gärtnerei nicht nur Spaß, sie fördert auch die Kommunikation mit Nachbarn und mit unbekannten Passanten.

Die Tomatenzucht im Park oder am Straßenrand kann also der körperlichen, geistigen und sozialen Gesundheit gleichermaßen nützlich sein.

Zukunftsfit bleiben

Das klingt doch wieder ein bisschen nach Rückbesinnung an frühere Zeiten, in denen unsere Vorfahren mitten in der Naturlandschaft lebten und den Ackerbau erfanden. Doch auch Urban Gardening ist kein Versuch, die Erfindung der Stadt rückgängig zu machen – ganz im Gegenteil. Es ist ein Versuch, Vorteile unterschiedlicher Lebensweisen miteinander zu verbinden.

Wir Menschen sind wohl die flexibelste, anpassungsfähigste Säugetierspezies auf diesem Planeten. Wir können darüber nachdenken, wie wir unsere Umwelt gezielt verbessern können – diese Fähigkeit haben Ameisen beim Bau eines neuen Ameisenhaufens nicht. Genau diese Fähigkeit macht uns zum Menschen. Wir sollten sie nutzen, um in Zukunft noch bessere, lebenswertere und gesundheitsförderndere Städte zu schaffen als wir heute bereits haben.

 

Florian Aigner

, Ärzte Woche 28/2017

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