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Dr. Ronny Tekal, Medizin-Kabarettist
 
Leben 30. Juni 2017

Ruf! Mich! An!

Medizinische Telefonberatungsdienste sind der neueste Trend.

Die älteren Semester werden sich daran erinnern: Früher konnte man per Telefon noch die Uhrzeit erfragen. Dass die Telefonistin mit der monotonen Stimme und dem Summerton tatsächlich rund um die Uhr die Zeit verlesen hat, kann allerdings bezweifelt werden, auch wenn so manch angeheiterter Anrufer spätnachts mit der fleißigen Dame vom Band ein Rendezvous vereinbaren wollte. Dennoch fand ich es immer einen hübschen und philosophisch überaus bemerkenswerten Gedanken, jederzeit die Zeit anrufen zu können.

Mit den Smartphones, die selbst als Uhrenersatz dienen, ist dieser Service heute anachronistisch – also aus der Zeit. Rufnummern, die mit Menschen aus Fleisch und Blut besetzt sind, haben hingegen keineswegs ausgedient. Im Gegenteil. Callcenter erfreuen sich großer Beliebtheit, wenn auch nicht bei jenen Anrufern, die im Paralleluniversum einer Warteschleife in Raum und Zeit gefangen sind. Manchmal braucht es gar keine konkrete Hilfestellung, sondern einfach ein offenes Ohr. „Sie sind jetzt unglücklich darüber, dass Ihre Waschmaschine nicht funktioniert“. Wenn man sich gehört fühlt, geht es einem schon viel besser. Auch in dreckiger Wäsche.

Neuerdings sind auch die Gestalter des Gesundheitssystems auf den Geschmack telefonischer Dienstleistungen gekommen. Tatsächlich zahlt es sich aus, Patienten telefonisch zu beraten, um sie von einem überstürzten Ambulanzbesuch abzuhalten. Die neue Rufnummer 1450 ist Teil der Gesundheitsreform und wird heftig beworben. Herr und Frau Österreicher sollen bei medizinischen Fragen nicht auf den Rat von Dr. Google zurückgreifen müssen, sondern lieber zum Telefonhörer greifen und mit jemanden sprechen, der die Beschwerden dann für sie googelt.

Eine Fern-Diagnose soll nicht gestellt werden, vielmehr eine „Dringlichkeitseinschätzung“. Wobei es immer im Auge des Betrachters liegt, ob nicht ein dramatischer Männerschnupfen einer rascheren medizinischen Hilfe bedarf, als ein profaner weiblicher Herzinfarkt.

Es ist bemerkenswert, dass sich im Zeitalter der digitalen Medien der Anruf nach wie vor durchsetzt. Immerhin könnte man eine problematische Hautstelle auch per Snap-Chat einem Experten in der Ferne zeigen, das seltsame Aussehen des Stuhls twittern oder ein Selfie von sich und seinem frisch abgetrennten Bein machen, um zu erfragen, ob man so dreist sein darf, ein Spital aufzusuchen. Statistisch gehören rund 80 Prozent der Anrufer nicht in die Notfallambulanz. Interessanter sind die restlichen 20 Prozent, die sich wegen eines rupturierten Aortenaneurysmas am Gesundheitstelefon melden, um zu wissen, welches Pflaster am besten klebt. Ich erinnere mich an einen Patienten, der sich an den Rettungsnotruf wandte – aus dem Spitalsbett, weil niemand auf sein Läuten reagiert hat. Aber das ist eine andere Geschichte.

Dr. Ronny Tekal ist Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at

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