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Marseille als Kulisse für die Weltsportspiele. Die Stimmung bei den Medigames ist immer bestens.
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Dr. Fladischer zieht Sprints an.

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Richard Schneeberger.

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Dr. Andrea Ruth Spira.

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Dr. Feuerstein zieht durch.

 
Leben 30. Juni 2017

Frankreich, wir kommen!

Medigames. 16 heimische Athleten, die im Zivilberuf im OP stehen oder in der eigenen Ordi werken, gehen in Marseille auf Rekordjagd. Höher, schneller, weiter – der Ehrgeiz treibt die Ärzte auch in diesem Aktivurlaub an.

Aufschlag Richard Schneeberger. Der Badminton-Spieler aus der Steiermark, im Zivilberuf Tierpfleger, verteidigt in Marseille seine Goldmedaille im Einzel und im Doppel aus dem Vorjahr. Damals siegte er ohne Satzverlust. Ein Durchmarsch für den Top-Athleten, der danach herzhaft in seine drei Medaillen beißt (eine Silberne im Mixed war auch dabei). Das Erstaunliche daran: Richard Schneeberger leidet unter anderem an kryptogener Epilepsie mit komplex fokalen Anfällen und teilweiser Generalisierung. Was ihn nicht davon abhält, seit seinem 6. Lebensjahr Leistungssport zu treiben, und ihn vielleicht auch besonders „gierig auf Gold“ macht, wie seine Mutter Sophie Schneeberger sagt. Erklärung: „Jeder Sieg bedeutet ihm, bedingt durch seine vielen Krankheiten, dreimal so viel wie einem Gesunden.“

Intensive Vorbereitung für Top 3

Die Medigames sind eigentlich kein Wettkampf der Kranken – Schneeberger ist als begünstigter Behinderter dabei –, sondern der sportlich aktiven Ärzte. Die sind fast genauso ehrgeizig wie der Badminton-Spieler. Zum Beispiel: Radrennfahrer Dr. Thomas Fladischer aus Bruck/ Mur „will was reißen“. Nach dem Prolog liegen drei Etappen mit je 100 Kilometer in der Hitze von Südfrankreich vor ihm, die Konkurrenten sind stark, ein Durchschnittstempo von 356 bis 40 km/ h erwartet der steirische Unfallchirurg, den die Ärzte Woche zwischen zwei Operationen erreichte. Vorbereitet hat sich der 35-Jährige mit zwei Trainingslagern, unterstützt von Radprofis wie Georg Preidler und Christoph Strasser. „Die Top-3 sind in Reichweite.“

Dr. Andrea Spira aus Wien war schon vor zwei Jahren in Irland (Limerick) dabei. Der Hauptgrund für ihre Teilnahme: „Urlaub an einem interessanten Ort. Allerdings lauert trotzdem ein gewisser Ehrgeiz in mir, weil ich gerne viel laufe und deshalb an Halbmarathon und Cross-Country teilnehmen will.“ Für die 100 m- Freestyle-Schwimmen habe sie sich zwar angemeldet, hier überwiege aber „sicherlich der olympische Gedanke, falls ich denn tatsächlich teilnehme“. Kurz vor der Abreise tüftelte sie noch an der Rollwende herum.

Ein weiteres Motiv der Allgemeinmedizinerin: Sie will ihren Patienten den richtigen Lifestyle vorleben. „Da macht sich eine solche Teilnahme auch recht gut.“

Dr. Klaus Humer wird gemeinsam mit seiner Frau Veronika beim Golf starten. Warum sich die Humers die Vorbereitung noch antun? „Meine Motivation ist, meinen Urlaub mit Sport zu verbinden, was wir generell machen. Bei den Medigames steht aber der olympische Gedanke im Vordergrund und dass wir eine für uns unbekannte Gegend und neue Personen kennenlernen.“

Und ab!

Dr. Bernd Feuerstein blüht auf, wenn er seine Bahnen in Delfin (50 m), Rücken (50 m) und Freistil (100 und 400 m) im Wettkampfmodus ziehen kann. Aquathlon nennt sich die Disziplin, die dem Schwimmer eigentlich alles abverlangt. Doch Feuerstein hat im Vorjahr den Triathlon gewonnen, diesen Titel will er heuer verteidigen. Die Schwimmbewerbe sind quasi nur ein „Warm-up“. Feuerstein bremst sich ein: „Neben den sportlichen Ambitionen steht der Spaß im Vordergrund, Sport mit Gleichgesinnten in einem internationalen Teilnehmerfeld betreiben zu können.“

Kämpfen um jeden Ball

100 Prozent ernst nimmt der Badminton-Spieler Schneeberger die Medigames. Hier trifft er auf erfahrene Gegner, die ihn und seine Spielweise noch nicht kennen. Denn es sind nicht nur Amateure im Wettbewerb, sondern auch Spieler aus nationalen Auswahlen. „Er will sich ständig verbessern“, sagt seine Mutter, die ihn zu jedem Turnier begleitet. „Richard spielt grundsätzlich gern drei Sätze, weil er im ersten Satz erst auf dem Platz ankommen muss, aber das hat was mit seinem Kopf zu tun. Er liebt das Spiel an sich. Er gewinnt gern, aber eigentlich spielt er noch lieber, je mehr Matches desto besser.“ Sein Ziel ist daher nur folgerichtig: Die Goldmedaille im Einzel verteidigen. Und ja: Ein Scheitern ist möglich, vor allem wenn asiatische Spitzenspieler im Teilnehmerfeld aufscheinen, sagt Schneeberger.

In 27 Sportarten werden Medaillen vergeben von A wie Aquathlon über P wie Pétanque bis T wie Tontaubenschießen. Nachdem die Wettkämpfe sich in den vergangenen Jahren auf dem Trockenen abgespielt haben, ist die 38. Ausgabe der Medigames die Gelegenheit, dem Segelsport ein Comeback zu verschaffen. Eine große Monotyp-Überraschungsregatta wird organisiert. Kinder unter 16 Jahren können an einer Vielzahl von Aktivitäten (Athletik, Tennis, Rugby, Judo) teilnehmen.

Marseille ist heuer offiziell Europas Sport-Hauptstadt. Mit 220.000 Amateur- und Profisportlern, 1.500 Sportklubs aller Sportarten und 1.000 Sporteinrichtungen ist die Provence-Metropole eine Hochburg des französischen Sports.

Und sonst? Mit dem Universitätsklinikum de la Timone, dem Hôpital Nord, Hôpital de La Conception und Hôpital Sainte Marguerite vereint Marseille drei Exzellenzzentren mit den drei Fachbereichen Medizin, Zahnheilkunde und Arzneikunde, die fast 13.000 Studenten zählen.

JMM – 38. Sportweltspiele der Medizin & Internationales Sportmedizin Symposium

1. bis 8. Juli 2017, Marseille, www.medigames.com, www.sportweltspiele.de

Martin Křenek-Burger

, Ärzte Woche 27/2017

  • Herr Dr Walter Povysil, 28.08.2017 um 10:22:

    „Medigames Marseille 2017

    Medigames, die Sportweltspiele der Medizinischen Berufe gibt es seit 1978. Sie wurden bisher in 15 verschieden Ländern ausgetragen, heuer gab es 27 verschieden Sportarten, von Fußball bis Leichtathletik, von Segeln bis Golf, von Tennis bis Badminton, von Schach bis Radrennfahren. Teilnahmeberechtigt sind neben Ärzten und Medizinstudenten auch Krankenschwestern, Therapeuten, Apotheker, (und -innen natürlich), einfach alle, die beruflich mit Medizin zu tun haben. In den meisten Sportarten wird in Altersklassen gestartet, von A unter 35, bis F über 75.
    Begonnen hat alles für uns vor drei Jahren in Wels. Die Organisatoren der Spiele kontaktierten mich, ob ich nicht als leidenschaftlicher Sportler teilnehmen wolle und vielleicht Kollegen dazu gewinnen könne. Ich holte damals drei Medaillen im Tischtennis sowie eine Bronzemedaille in der 4x100 Meter Staffel, meine Tochter Gundula, Medizinerin und Bioinformatikerin, mehrere in der Leichtathletik. Aber das war nicht das Wesentliche. Entscheidend dafür, dass die „Infektion Medigames“ chronisch wurde, waren die faszinierenden Menschen aus allen Ecken der Welt, die wir dabei kennen lernen durften. Kollegen aus Korea, Indien, Algerien, Chile, Argentinien, aber auch aus unseren Nachbarländern Deutschland und Italien. Ich schloss Freundschaft mit Andrzej Bernatovicz, Allgemeinmediziner in Polen, mein Doppelpartner im Tischtennis. Kürsat Cavusoglu, Zahnarzt aus Antalya sagte mir eines Abends (nachdem er mich wieder einmal vernichtend geschlagen hatte) er würde mich gefühlte 100 Jahre kennen. Andreas Krimmenau, Kinderarzt aus Radebeul bei Dresden (richtig, das vom Karl May: Mein Blutsbruder), der in der DDR aufgewachsen ist, erscheint mir vertrauter als mancher Maturakollege. Bei Raffaele di Cecco, Familienarzt in Udine, sind wir regelmäßig am Weg nach Italien zu Gast.
    2015 folgte Limerick in Irland, für mich besonders emotional, da ich ein halbes Jahr nach einer Kreuzbandplastik sowohl im Tischtennis als auch der Leichtathletik je drei Medaillen holte, Tochter Gundula noch einige mehr.
    Letztes Jahr folgte Maribor in Slowenien, heuer also Marseille:
    Im Gegensatz zu Limerick, wo die Spiele mit wenigen Ausnahmen im Bereich des Uni Campus stattfanden, wir auch in Studentenheimen am Gelände wohnten, waren in Marseille die Sportstätten weit voneinander entfernt. Vom Kraftdreikampf am Montag Vormittag zum Stade de Luminy, wo die Leichtathletik am Nachmittag ausgetragen wurde, waren es 35 km quer durch die Stadt (Marseille hat mehr Einwohner als Wien).
    Ansonsten eine faszinierende Stadt mit südlichem Flair, tollen Stränden, dem berühmten alten Hafen und der alles überstrahlenden Notre Dame de la Garde. Anstrengung, Freude, Hitze, Feiern, neue und alte Bekanntschaften, organisatorisches Durcheinander, interessante Stadt- und Landeinsichten, und diesmal französischer Charme und Verkehrschaos.
    Diesmal verstärkten zwei Neulinge unser österreichisches Team, meine Frau Sigrid, Ergotherapeutin, und unsere Physiotherapeutin Siegrid Egger. Alle Medaillen hier aufzuzählen würde zu weit führen. Nur eine sei erwähnt: Gundula gewann kurioser Weise auch in der 4x100 Meter Männerstaffel Bronze (nach Gold in der Damenstaffel, im Speerwurf und im Kraftdreikampf). Einem Team aus Kanadier, Engländer und Franzosen fiel kurzfristig der vierte Mann aus, also baten sie Gundula einzuspringen. Sowas gibt es auch nur bei den Medigames. Erstmals gab es auch Gold für mich, Sieg im Hammerwurf. Die Medaille habe ich teuer bezahlt, gottseidank ist der Meniskusriss schon erfolgreich operiert worden.
    Richard Schneeberger gewann im Badminton alle möglichen Goldmedaillen, das Herrendoppel bestritt er mit seinem Vater.
    Um den Geist der Medigames besser zu verstehen noch eine kleine Geschichte zum Schluss.
    Am letzten Abend feierte das Fußballteam Englands ausgelassen ihre Erfolge beim Turnier. Irgendwann hörten wir heraus, dass sie es schon schade fänden, wieder kein einziges Spiel gewonnen zu haben. Warum die Feier? „Diesmal haben wir ein Tor geschossen.“
    Also: Vergessen Sie die Medaillenbilanz, bei den Medigames geht es um etwas ganz Anderes.
    Wir sehen uns nächstes Jahr in Malta! (16.6. bis 23.6.2018)
    PS Fotos gibt es bei Bedarf reichlich!“

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