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Leben 28. Juni 2017

Kunst als Gesellschaftsmodell

Biennale Venedig als mögliche Inspiration für die ärztliche Kunst

Gemeinsamkeiten und Verbindendes über Zeit und Raum stehen heuer im Fokus der 57. Kunstbiennale in Venedig. Und nicht mehr und nicht weniger als der Humanismus. Das ist ein ambitioniertes Anliegen der Kuratorin Christine Macel, Kunsthistorikerin und unter anderem Chefkuratorin des Pariser Centre Pompidou. Dementsprechend vielfältig sind die Präsentationsebenen und die eingeladenen Künstler. Der Humanismus feiert durch die Kunst die Fähigkeit der Menschheit, sich nicht von jenen Kräften dominieren zu lassen, die die Welt beherrschen. Diese Art des Humanismus, so der Präsident der Viennale, Paolo Barrata, ist ein Akt des Widerstands, der Befreiung und der Großzügigkeit. Es geht auf die Reise. Von der Vergangenheit in die Zukunft, zwischen Freude und Ängsten, zu Gemeinsamkeiten, den Anliegen und Bedrohungen unserer Erde, den Traditionen, von denen wir geprägt sind, auch zu den Schamanen im weitgefassten Sinne, den dionysischen Freuden, die sich hier auf den weiblichen Körper konzentrieren, den Farben, der Zeit und Unendlichkeit. Man sieht: Es ist eine sinnlich reiche Welt, die hier präsentiert wird und eine durchaus sinn-volle Bezugnahme, stellen die Sinne doch auch die Verbindung zwischen der äußeren Welt und unseren Empfindungen und Inspirationen ebenso wie unseren Entscheidungsgrundlagen her.

Eine Reise durch die Komplexität der Welt

Die Stationen sind freilich durchgängige Prinzipien, die sich an unterschiedlichen Stätten und in vielfältigen Formen wiederfinden. Sie können widersprüchlich und paradox sein, können Umwege gehen und spiegeln damit nichts weniger als die Komplexität der Welt. Das entspricht in zeitgenössischer Weise durchaus den fantastischen Sammlungen der Kunst- und Wunderkammern der Renaissance und des Barock.

Inspiration zwischen Aktivität und Inaktivität

Einen ganz besonderen Platz als „Eintrittspforte“ gibt Christine Macel im Kapitel „Künstler und Bücher“ der Beziehung des Künstlers zu seinen Inspirationsquellen – nicht nur inhaltlich sondern auch im Innehalten. Zwischen Aktivität und Inaktivität. Die Beziehung zum Wort fächert sich auf zwischen Anregung für die eigene Arbeit und selbst formulierten Gedanken und Konzepten zur eigenen Arbeit, zur Beziehung zur Gesellschaft und zum Zustand des Seins. Schrift und Wort finden sich bei zahlreichen Künstlern als Bestandteil ihrer Werke, die Deutung und Bedeutung gibt Anstoß zum Diskurs und wird selbst zum Thema. „Die Ausstellung“, so die Kuratorin, „soll eine Erfahrung sein, eine nach außen gerichtete Bewegung des Selbst zu den anderen, hin zu einem gemeinsamen Raum jenseits der vorgegebenen Dimensionen und weiter zur Idee eines potentiellen neo-Humanismus.“ Eine Absage an Vorurteile, Misstrauen und Gleichgültigkeit.

Aus der Verbindung von Wissenschaft und Kunst ergeben sich neue Perspektiven, neue Impulse und eine Fülle neuer Möglichkeiten. Die Kunst zeigt exemplarisch, dass Individualität und Gemeinsamkeit eine fruchtbare Symbiose eingehen können. Denn auch wenn der kreative künstlerische Akt selbst ein höchst individueller, von der Persönlichkeit des jeweiligen Künstlers geprägter Vorgang ist, ist die Positionierung des Schaffensprozesses doch immer eingebettet in eine ideelle und auch materielle Umwelt, auf die sich der Künstler bezieht und aus der er sich seine ganz spezifischen Anstöße holt. Das reiche Beziehungsnetz umfasst auch die Künstlerkollegen.

Die 57. Kunst-Biennale in Venedig kann also selbst als gesellschaftliches Modell betrachtet werden – im komplexen Beziehungsgeschehen und der Einladung zur Reflexion. Es ließe sich doch die ärztliche Kunst unter ähnlichen Aspekten gestalten – das wäre schön und sicher nicht zum Schaden der Beteiligten.

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