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© picture alliance / Everett Collection
Jack Sparrow (Johnny Depp, „Salazars Rache“)> Der Reiz der Figur liegt in ihrer Ambivalenz.
 
Leben 10. August 2017

Sind wir nicht alle Piraten?

Kulturwissenschaft. Eugen Pfister erforscht Piraten als literarische und historische Figuren. Die realen Freibeuter waren aufs Kämpfen nicht so erpicht, wie Computerspiele uns heute glauben machen.

Legende und Wirklichkeit liegen bei den Freibeutern der Meere eng beieinander. Seit der Antike gibt es den Begriff „Piraten“. Das Wort stand für Personen, die sich zur See oder im Küstenraum gewaltsam des Besitzes anderer Personen oder sogar der Personen selbst, zur Lösegelderpressung, bemächtigen. Doch Piraten faszinierten auch als von gesellschaftlichen Zwängen befreite Individuen. Davon zeugen heute populäre Filmreihen, wie „Fluch der Karibik“.

Der Historiker und Kulturwissenschaftler Eugen Pfister vom Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) beschäftigt sich bereits seit Längerem in seiner Forschung mit dem sozialen Typus des Piraten in Geschichte, Literatur und Popkultur. Er erklärt, was dran ist am Mythos „Pirat“ und warum wohl nur die wenigsten von ihnen Holzbeine oder Piratenschätze besaßen.

Also, wie war das mit Long John Silver, dem Papagei auf der Schulter und dem Holzbein? Pfister: „Sie waren schon ein sehr farbenfrohes Völkchen und kleideten sich wie es heute teilweise die Dragqueens tun. Bartholomew Roberts etwa, einer der erfolgreichsten Piraten des 18. Jahrhunderts, trug einen riesigen Brokatmantel und dicke Diamantenringe. Exotische Tiere waren beliebt. Man hatte ja auch leichten Zugang zu ihnen. Von daher ist der Papagei ganz richtig. Das Holzbein als Motiv ist halb zutreffend. Auf einem Schiff zu arbeiten war hochgradig gefährlich. Da wurden Körperteile auch mal schnell zerquetscht. Aber Versehrte konnten nicht mehr kämpfen. Daher wurden sie meist nur noch in der Kombüse eingesetzt. Auch der Piratenschatz ist ein Mythos. Wir kennen nur einen Fall eines vergrabenen Schatzes. Im Normalfall wurde alles sofort für Alkohol ausgegeben wurde.“ Mythen sind das eine, das wirkliche Leben das andere: „Es gibt Piraten seitdem Handel existiert, und sie waren ursprünglich selbst Händler und Schmuggler. Wenn das Verkaufen von Gütern nicht möglich war, dann wurde halt geraubt, die Grenzen waren fließend. Man sprach auch von ,commerce au bout de la pique’, also von Handel mit vorgehaltenem Speer.“

Eugen Pfister ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Seit 2015 betreibt er den Forschungsblog „Spiel-Kultur-Wissenschaft. Mythen im Digitalen Spiel“: http://spielkult.hypotheses.org/

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