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Dr. Ronny Tekal, Medizin-Kabarettist
 
Leben 19. Juni 2017

Sommerlicher Dreh-Trend

Der „Fidget-Spinner“ hat sich schon längst in die Herzen unserer Kinder gedreht.

In regelmäßigen Abständen erreichen uns gewisse Trends, denen man sich als Heranwachsender kaum entziehen kann. So gab es zu meinen Jugendzeiten das „Slime“, eine grünliche Masse, die man zur Freude der Eltern nicht nur auf den Tisch, sondern auch auf die Wand und die Couch klatschen konnte. Wer mit dem glitschigen Gel seine Umgebung nicht ausreichend stark ekeln konnte, erwarb im gut sortierten Spielfachwarenhandel ein rotes „Slime mit Würmern“.

Eltern, die ob der Begeisterung ihrer Sprösslinge für den Indoor-Vandalismus mit Kunststoffmasse sorgenvoll auf deren Zukunft blickten, nutzen einen weiteren Trend und versuchten, ihre Kinder mit dem pädagogisch bedeutend wertvolleren Zauberwürfel von Rubrik zu begeistern. Viele Tamagotchis, Furbys, intelligente Kneten und Pokémon-Gos später gilt der Fidget-Spinner als Trendspielzeug des Sommers. Ein Ding, das eigentlich nicht viel kann, außer sich im Kreis zu drehen, also im Prinzip eine Art Arbeitsgruppe.

Die Schulhöfe sind zurzeit voll davon, die Lehrer debattieren, in wieweit man das lästige Spielzeug im Unterricht verbieten soll oder explizit erlauben, da es vielleicht den Handykonsum kompetitiv unterdrückt. Ob das ganze Bildungsreformpaket zur Klärung dieses Sachverhalts nochmals aufgeschnürt werden muss, wird sich weisen.

Nun zum medizinischen Aspekt: Der Handkreisel mit Kugellager in der Mitte und Gewichten in den äußeren Flügeln soll positive Effekte auf Kinder mit Autismus oder Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) haben. „Fidget“ lässt sich auch wörtlich mit „Zappelphilipp“ übersetzen. Der Effekt ist fraglich, aber allemal besser als Ritalin, das sich lange nicht so gut bewegt, wie der Spinner.

Natürlich gibt es aber auch die üblichen Bedenken wie bei jedem neuen Gadget. Schließlich enthält das Kugellager Kleinteile, die man als Kleinkind verschlucken kann, und der Gebrauch beim Autofahren oder während einer schwierigen Augen-Operation könnte ablenken. Zudem muss man sich als verantwortungsbewusster Konsument kundig machen, ob das Spielzeug nicht unter schlechten Arbeitsbedingungen in einem chinesischen Billigwerk hergestellt wurde (die Information dazu kann man bequem über sein in derselben Fabrik gefertigtes iPhone googeln).

In den sozialen Medienplattformen streitet man, ob der Begriff „Spinner“ politisch korrekt sein kann und Trump twittert, dass orangefarbene Exemplare der Fingerkreisel einen noch nie da gewesenen Angriff auf seine Person und damit die Freiheit der Vereinigten Staaten darstellen.

All das wird heftig diskutiert, während unsere Kinder die Fidget-Spinner schon längst in die Schublade gelegt und sich dem nächsten Trend zugewendet haben. Wie soll man da mit seiner Empörung nachkommen!

Dr. Ronny Tekal ist Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at

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