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© akg-images / André Held / picture alliance
Karl V. (1500–1558), Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und König von Spanien (ab 1516). Die Habsburger schienen sich über ihren typischen Makel nicht zu schämen.
 
Leben 12. Juni 2017

Die „Habsburger Lippe“ geht durch die Geschichte

Progenie. Der Phänotyp einer familiär gehäuften Progenie kommt kaum ohne den Hinweis auf die Habsburger aus. Aber es gibt Zweifel, dass bei den Kaisern und Königen nur die Unterkiefer zu groß geraten waren.

Ob wir wollen oder nicht, das Gesicht eines Menschen wirkt wie eine Visitenkarte. Männer und Frauen mit ausgeprägter Kinnpartie gelten als zielorientiert und konfliktfähig. Ihnen wird Tatkraft, Mut, teils auch Impulsivität unterstellt. Abgesehen davon, ob etwas dran ist an solchen Zuweisungen, wäre es interessant zu wissen, woher diese stammen.

Vielleicht hat es etwas mit den Habsburgern zu tun: Das Fürstengeschlecht bestimmte vom 13. bis ins frühe 20. Jahrhundert die europäische Geschichte und hat die Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation von 1438 bis 1806 innerfamiliär weitergegeben.

Weitergereicht, und zwar über Generationen, wurde in der Familie außerdem eine ausgeprägte Progenie. Sie ist im deutschen Sprachraum bekannt als „Habsburger Lippe“ und wird international als „Habsburg Jaw“, „Burgundian lip“ und „Habsburg nose“ bezeichnet. Denn außer einem im Vergleich zum Oberkiefer zu groß wirkenden Unterkiefer mit Unterbiss war für viele Familienmitglieder des Herrschergeschlechts die wulstige Unterlippe sowie die Höckernase typisch. Nach Forschungen von Prof. Dr. Hans-Joachim Neumann (1939–2014), ehemaliger Ärztlicher Direktor an der Charité Berlin-Mitte, wurden diese Merkmale mit einer durchschnittlichen Wahrscheinlichkeit von etwa 50 Prozent weitervererbt. Ein wesentlicher Grund dafür dürfte die konsequente konsanguine Heiratspraxis der Habsburger gewesen sein.

Besonders bei Karl V ausgeprägt

Der Ausprägungsgrad des Familientypus schwankte erheblich. Als „Klassiker“ gelten unter anderen:

- Kaiser Friedrich III. (1415–1493), der sich durch Antriebs- und Erfolglosigkeit auszeichnete, was oben genannte Charakterzuschreibungen schon einmal konterkariert; ähnliches gilt noch stärker für

- König Karl II. (1661–1700), „Der Verhexte“, mit dem die Habsburger Linie in Spanien erlosch,

- Kaiser Maximilian I. (1459–1519), genannt „der letzte Ritter“, oder auch

- Kaiser Karl V. (1500–1558), der bereits als 16-Jähriger auf dem spanischen Thron Platz genommen und 1530 vom Papst gekrönt worden war.

Auf Porträts lässt sich die ausgeprägte Progenie Friedrich III. leicht erkennen. Bei seinem Sohn Maximilian kam zur so genannten positiven Lippentreppe noch eine ausgeprägte Höckernase hinzu – Albrecht Dürer und andere Maler haben dies in Auftragswerken teils kaschiert, besonders Profilbilder lassen aber keinen Zweifel zu. Karl V. jedoch stellte „bezüglich des Familienmerkmals alle in den Schatten“, so Neumann in seinem Buch Erbkrankheiten in europäischen Fürstenhäusern: „Karls exzessiv entwickelter Unterkiefer verhinderte seinen Mund- und Lippenschluss und zwischen seinen abgeflachten Jochbeinpartien ragte eine lange schlanke Höckernase heraus.“ Vor allem die im Vergleich zu später noch nicht so stark geschönten Bildnisse aus der Jugend Karls V. verdeutlichen das Ausmaß der Kinnprominenz. Bei einer Öffnung des Sarges im Jahre 1870 war die Schädelform von einem Maler dokumentiert worden.

Kauen war nicht möglich

Karl soll rhetorisch wenig gewandt und von eher introvertiertem Charakter gewesen sein. Der Mund stand immer offen, die Sprache klang verwaschen. Ein venezianischer Gesandter beschrieb Karl V. zu seinem 30. Geburtstag, als zwar körperlich „vollkommen proportioniert. […] Nur eins beeinträchtigt seine Erscheinung, das ist sein Unterkiefer.“ Die Zahnreihen könne er nicht aneinander bringen, er sei schwer zu verstehen. Nach weiteren Berichten war Karl nicht in der Lage, seine Speisen zu kauen, er verschlang sie eher.

Die Reihe der Habsburger mit dem typischen Familienmerkmal, sowohl bei Männern wie Frauen, ließe sich lange fortsetzen. Belege sind vor allem auch Münzprägungen, die den Kopf typischerweise im Profil abbilden. Sie verdeutlichen, dass man sich der Abnormität offenbar nicht schämte, denn die Könige und Kaiser hätten ja auch auf einer frontalen Abbildung bestehen können. Es sind außerdem mehrere Schädel analysiert worden, etwa Rudolfs II. (1552–1612) oder Rudolf IV. „der Stifter“ (1339–1365). Interessant: Leopold I. (1640–1705) aus der österreichischen Linie war drei Mal verheiratet. Die ersten beiden Ehefrauen waren eine Nichte und eine Cousine ersten Grades, die dritte war eine Cousine zweiten Grades.

Möglicherweise falsche Diagnose

Wenn in der Fachliteratur vom „Habsburger Kiefer“ die Rede ist, wird dies stets als mandibuläre Prognathie im Sinne einer Hyperplasie des Unterkiefers verstanden. Doch diese Diagnose könnte in vielen Fällen falsch sein. Das jedenfalls meinen Mund-, Kiefer-, Gesichtschirurgen um Dr. Zachary Peacock vom Massachusetts General Hospital in Boston. Peacock und drei Kolleginnen und Kollegen haben unabhängig voneinander jeweils mehrere repräsentative Porträts von sieben spanischen Habsburgern auf anatomische Merkmale eines maxillären Defizits und einer mandibulären Prognathie hin analysiert und in einen semiquantitativen Score eingeordnet. Das überraschende Ergebnis: Nur bei drei der sieben halten Peacock und seine Kollegen eine mandibuläre Prognathie für relativ wahrscheinlich, bei sechs der spanischen Habsburger liege eher ein maxilläres Defizit vor. Soll heißen: Es handelt sich eher um eine „Pseudoprogenie“, der Phänotyp einer mehr oder weniger fehlgebildeten Mandibula wird vor allem durch das verminderte Oberkieferwachstum verstärkt. Bei keinem einzigen, noch nicht einmal beim grotesk fehlgebildeten König Karl II. (1661–1700), sei eine mandibuläre Prognathie „sehr wahrscheinlich“, so die US-Chirurgen. Demnach handelte es sich, zumindest bei den von ihnen untersuchten Bildnissen der spanischen Habsburger, um eine Mittelgesichtsfehlbildung mit einem nur in Relation zum Oberkiefer prominenten Unterkiefer. Die Höckernase gehört dementsprechend zur Mittelgesichtsfehlbildung. Die oft wulstigen Lippen entstehen sekundär aufgrund des relativ vorgeschobenen Unterkiefers mit umstülpendem Effekt der Lippe, vergleichbar mit dem Phänotyp bei Mund-Kiefer-Gaumenspalten.

Die genetischen Hintergründe familiär gehäuft auftretender Fehlbildungen des Gesichtsschädels sind nach wie vor nicht vollständig geklärt und umstritten. Schaut man sich die embryologische Entstehung des Gesichtsschädels an, wird die Komplexität der Vorgänge und womöglich auch exogener Einflüsse deutlich.

Thomas Meißner

, Ärzte Woche 24/2017

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