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Leben 12. Juni 2017

Kinotipp -Tachinierer in Nöten

Happy Burnout. Sein entspanntes Dasein hat der ewige Blaumacher Fussel zu einer wahren Kunstform erhoben. Doch nun schlägt ihm die Stunde der Wahrheit, denn das Arbeitsamt schickt den Sozialschmarotzer in eine Klinik für Burnout-Patienten. Dort wird er zum Unruheherd Nummer eins.

Alt-Punk und Frauenheld Fussel, 43, dargestellt von Wotan Wilke Möhring, hat das was man in Wien „a g'schmiertes Goscherl" nennt. Dieses setzt er bei seiner Sachbearbeiterin am Arbeitsamt, Frau Linde (Victoria Trauttmansdorff), ein, um nur ja nicht Gefahr zu laufen einen Job annehmen zu müssen. Da der Film „Happy Burnout" aber in Berlin spielt hat Fussel „immer einen Spruch parat". Der Ausgang ist der gleiche: Zu einem Job lässt Fussel sich nicht überreden, er hat so viel Wichtigeres zu tun. Daher vermittelt Frau Linde ihm etwas anderes: ein Arbeitsunfähigkeits-Attest, Diagnose Burnout, samt Therapie in einer stationären Klinik.

So findet sich Chaot Fussel plötzlich zwischen echten Ausgebrannten wieder, den Gestrandeten einer Gesellschaft im Effizienzwahn. Mit seiner unorthodoxen Art mischt er den Klinikalltag mitsamt der Therapeutin und Psychologin Alexandra (Anke Engelke) gehörig auf, bringt aber auch frischen Wind in den Laden. Und den können seine neuen Mitbewohner – der lebensmüde Sonnenstudiobesitzer Günther (Michael Wittenborn), der cholerische Kinder-Entertainer Datty (Kostja Ullmann), die überforderte Hausfrau und Mutter Merle (Julia Koschitz) und der Geschäftsmann Anatol (Torben Liebrecht) – auch mehr als gebrauchen. Doch je besser er sie kennenlernt, desto mehr beginnt selbst Fussel, über sich nachzudenken. Bis irgendwann gar nicht mehr so klar ist, wer hier eigentlich wen therapiert, wer wirklich Hilfe braucht und worum es am Ende des Tages tatsächlich geht. In der Therapie. Und im echten Leben.

Gar nicht so lustig sind die Burnout-Zahlen im echten Leben: Fast jeder dritte Beschäftigte hierzulande kennt Fälle von Burnout im eigenen Betrieb und ebenfalls rund ein Drittel sieht sich zumindest leicht Burnout-gefährdet. Das zeigte vor Kurzem eine Auswertung des Österreichischen Arbeitsklima-Index der Arbeiterkammer (AK) Oberösterreich.
Für viele Beschäftigte wird es zunehmend schwierig, die steigenden Anforderungen im Beruf mit dem Bedürfnis nach einem erfüllten Privat- und Familienleben in Einklang zu bringen und den eigenen hohen Ansprüchen an die Qualität der Arbeit gerecht zu werden. Diese Belastungen sind für knapp ein Drittel der Beschäftigten zu hoch. Ebenfalls ein Drittel sieht sich demnach im Job zumindest leicht Burnout-gefährdet. Fast vier von zehn Beschäftigten machen sich den Angaben zufolge Sorgen um ihre Kollegen.

Für den Arbeitsklima-Index wird auch das Thema psychischer Stress beleuchtet. Ein knappes Viertel der Beschäftigten fühlt sich demnach durch Zeitdruck belastet, etwa ein Sechstel durch ständigen Arbeitsdruck. Jeweils rund ein Zehntel aller Beschäftigten empfindet technische oder organisatorische Änderungen sowie wechselnde Arbeitsabläufe als stressig.
Davon kann bei Fussel keine Rede sein. Indes. Die Einweisung ins Sanatorium gefällt ihm nicht. Sein aufreizend ablehendes Auftreten, sonst so erfolgreich, beeindruckt seine Psychologin Alexandra nicht. Sie ist ebenso schlagfertig und abgekocht wie er – was Fussel ziemlich gut gefällt, auch wenn er es niemals zugeben würde.

Der Rest der Insassen? Günther, 60, war erfolgreicher Besitzer mehrerer Sonnenstudios, jetzt sitzt er völlig apathisch da mit knallrotem, verbranntem Gesicht, alles Leben scheint aus ihm gewichen. Sein Händedruck ist läppisch, seine Antworten einsilbig. Aber auch die anderen Insassen der Anstalt haben es in sich: Der 30-jährige Datty war früher Kinder-Entertainer – bis er bei einer seiner Aufführungen vor versammeltem Kinderpublikum einen Nervenzusammenbruch erlitt. Jetzt trägt er immer noch seine Handpuppe bei sich, die Medium für seinen unerklärlichen Zorn ist, der immer wieder aufflammt und unkontrolliert aus Datty herausbricht. Die überforderte Hausfrau und Mutter Merle wurde von ihrem Alltag in die Knie gezwungen, und der obsessive Immobilienmakler Anatol kann auch im Sanatorium noch nicht abschalten und nervt mit seiner Pedanterie.

Nur raus aus diesem Irrenhaus

Für Fussel steht fest, dass er im Irrenhaus gelandet ist – und schnell wieder weg muss. Doch das ist leichter gesagt als getan.
Soweit so lustig. Warum soll man dafür aber vom Fernsehsofa aufstehen und sich im Kino einen Film wie „Happy Burnout" anschauen?
Vielleicht weil dieser „Happy Burnout"-Streifen eine feine Gratwanderung zwischen Tragik und Komödie gelingt. Regisseur André Erkau erzählt die Geschichte einer existenziellen Krise, vom Scheitern. Falls das für Sie ein zusätzlicher Ansporn ist ins Kino zu gehen – politisch korrekt geht es in "Happy Burnout" nicht gerade zu, dafür ist die Thematik aber sensibel beobachtet, der Film hat Tiefgang und zeigt Herz.

Im Kino

Wotan Wilke Möhring, Anke Engelke u. a.
Happy Burnout
Regie: André Erkau
Filmstart am 7. Juli
Länge: 103 Minuten

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