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© Ramme & Ulrich, Bayreuth

Winifred und Siegfried Wagner, 1917.

Die Unterschriften der Verkäuferin Hedwig Bleibtreu und des KäufersArthur Schnitzler auf dem Kaufvertrag für die Villa in der Sternwartestraße 71.

Eintrag von Joseph Maria Olbrich im Geburtstagsbuch von Ernst von Hesse-Wartegg anlässlich der Weltausstellung in St. Louis, 1904.

Jazzer Friedrich Szanto: Resident Certificate, um 1943.

© (5) WBR

Die Freiheitsstatue schlägt zurück: Postalische Anti-Hitler-Propaganda aus den USA.

© Gerhard Bartl, Wien

Bestseller-Autorin Brigitte Hamann, um 1995.

 
Leben 6. Juni 2017

Aus Brigitte Hamanns Nachlass

Zeitgeschichte. Der umfangreiche Nachlass der 2016 gestorbenen Elisabeth-Biografin Brigitte Hamann ist eine Fundgrube für Historiker – Briefe von Alexander von Humboldt lagern neben den Erinnerungen der Leibdiener von Franz Joseph und seiner Sisi. Eine Ausstellung der Wienbibliothek im Rathaus macht Teile des Hamann-Archivs nun zugänglich.

Brigitte Hamann, die populäre Historikerin und Biografin wollte unabhängig und ungestört arbeiten können. Wenn sie nicht gerade las, recherchierte oder schrieb, traf man sie auf Auktionen an, wo sie oft Schnäppchen ergatterte – etwa einen Brief Alexander von Humboldts. Ihre Wohnung war ein gigantisches Privatarchiv, das nun von den Mitarbeitern der Wienbibliothek im Rathaus geordnet und aufbereitet wird. So gut es eben geht.

Denn das Hamann-Archiv umfasst Tausende Motivpostkarten, Feldpost, Liebesbriefe, Fotos, Handschriften und Akten, insgesamt Dutzende Tonnen Material wie Marcel Atze, Kurator der Hamann-Schau im Rathaus berichtet. Allein das Hängeregister umfasse rund 100.000 Blätter. Hamanns über einen Zeitraum von 40 Jahren gesammelte und vor allem aus eigenen Mitteln erworbene Materialien sind Personen der Geschichte zugeordnet, über die Hamann, so vermutet es Atze, schreiben wollte: Kaiser Maximilian von Mexiko ist vertreten, der Geologie-Lehrer von Kronprinz Rudolf und spätere erste Direktor des Naturhistorischen Hofmuseums, Ferdinand von Hofstetter, der Schriftsteller Arthur Schnitzler, der die Villa der Burgtheater-Tragödin Hedwig Bleibtreu kaufte, der Chirurg Anton Freiherr von Eiselsberg, der bei einem Zugunglück ums Leben kam oder auch Eugen Ketterl, der für die Uniformen Kaiser Franz Josephs zuständig war sowie der kaum bekannte Kammerdiener von Kaiserin Sisi, Rudolf Gerstner, und um nur einige zu nennen. „Sie hat ganz offensiv ihren Sammeltrieb ausgelebt, und sich wohl gedacht, dass sie noch dazu kommen werde, die Unterlagen auszuwerten, aber dazu ist dann leider nicht mehr gekommen.“

Hamann hatte ein Händchen für ungehobene Archivschätze. „Es ist eine Freude, in Österreich Historiker zu sein. Öffentliche wie private Archive sind bis zu den Dachböden vollgestopft mit oft noch ungesichteten Quellen aus früheren Jahrhunderten. Wer die richtige Spürnase hat, kann jederzeit wichtige Funde machen“, pflegte sie zu sagen. Ein Beispiel von vielen: Um wohlfeile 700 Schilling erwarb Hamann Ende der 1990er-Jahre den Nachlass des 1938 nach Schanghai emigrierten Wiener Jazzmusikers Friedrich Szanto. Unter den Schätzen befindet sich ein Stadtplan des Ghettos von Schanghai, in dem ca. 2.000 Wiener Juden lebten, und – aus der Zeit vor der Flucht aus Österreich – ein Zeugnis des Grand Hotel Panhans am Semmering, wo die „zugkräftige, ausserordentlich (sic!) gute Stimmungskapelle“ Szantos gelobt wird. Es sei ein Wunder, so Atze, dass sich die Dokumente erhalten hätten. „Für dieses Material würde man heute locker 700 Euro oder mehr zahlen.“

Hamanns Interesse galt den Details. Sie wollte zum Beispiel wissen, wann sich Kaiserin Sisi das letzte Mal vor ihrer Ermordung die Haare gewaschen hatte, eine Prozedur, die einen ganzen Tag in Anspruch nahm und im Abstand von zwei bis drei Wochen wiederholt wurde. In Hamanns Nachlass findet sich die Antwort: Demnach war der 7. September 1898 der letzte große Haarwaschtag im Leben der „K. Elis.“. Am unteren Rand des Zettels, der in der Ausstellung gezeigt wird, notierte Hamann: „erledigt“. Das verdeutlicht die Arbeitsweise der deutsch-österreichischen Erfolgs-Autorin und Historikerin. Atze: „Wir treten vorsichtig in ohnehin viel zu große Fußstapfen.“

Ausstellungstipp

„So schön kann Wissenschaft sein!“ Mit Kronprinz Rudolf im Unterricht, mit Kaiserin Elisabeth von Schloss zu Schloss, mit Arthur Schnitzler beim Villenkauf. Zeitkapseln aus der Sammlung Brigitte Hamann.

Dauer: bis 26. Januar 2018.

Ort: Wienbibliothek im Rathaus, Ausstellungskabinett, Stg. 6, 1. Stock. Öffnungszeiten: Mo–Do 9.00–18.30 Uhr, Fr 9.00–16.30 Uhr. Freier Eintritt.

Marcel Atze

So schön kann Wissenschaft sein

Amalthea Signum Verlag 2017, 352 S., Hardcover 32,00 Euro

ISBN 978-3-99050-093-4

Martin Křenek-Burger

, Ärzte Woche 23/2017

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