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Dr. Ronny Tekal, Medizin-Kabarettist
 
Leben 30. Mai 2017

Schwache- Leistung-Tag

Zuviel Erfolgsdruck macht uns krank, feiern wir die Misserfolge!

Die Geschichte wird von Siegern geschrieben, so heißt es. Gewonnene Schlachten und Befreiungsschläge werden noch Jahrhunderte später gefeiert, auch wenn die feiernden Staatsbürger keine blasse Ahnung haben, ob es sich beim Feiertag im Oktober nun um den Tag der Einheit, das Fest des heiligen Blasius oder den Ersten Mai handelt. Man zelebriert Menschen, die sich durch Zivilcourage, selbstloses Verhalten oder lediglich eine penetrante Dauerpräsenz in Mittelmäßigkeit ein gesellschaftliches Ansehen erworben haben.

In der Schulzeit wurden jene gelobt, die bei der Physikolympiade, der Schönschreib-Weltmeisterschaft oder den Bewerb für die schönste von Eltern gestaltete Laubsägearbeit im technischen Werken einen Preis erhalten hatten. Das setzt unter Druck. Denn es bedeutet, dass man etwas leisten muss, um anerkannt, geliebt und damit ein wertvolles Mitglied der Gemeinschaft zu sein. Ein solch ungesunder Druck lastet damit auf all jene, die noch keinen goldenen Rathausmann, kein Verdienstzeichen der Republik Österreich, ja nicht einmal eine Urkunde vom Touristen-Skirennen mit der Aufschrift „teilgenommen“ besitzen.

Beruflich erwartet man von einem Arzt zumindest einen „Ober-“ vorangestellt zu haben, so man diesen Ehrentitel nicht bereits während der Wartezeit auf die Ausbildungsstelle als Kellner erworben hat. Auf der Visitenkarte sollten idealerweise Buchstabenkombinationen wie CEO, Prim. oder h.c. zu finden sein, zumindest aber Begriffe wie „Obmann“, „Obfrau“ oder „Obkind“. Und da ich bereits seit Jahren brav die wöchentliche Kolumne abliefere, wäre der Titel Chef-Kolumnist eine Respektsbekundung, die dem Springer-Verlag keinen müden Cent mehr an Kosten beschert.

Doch statt uns auf die Suche nach solch fragwürdigen Bestätigungen zu machen, sollten wir vielleicht, alleine aus therapeutischen Gründen, den Druck herausnehmen, der sich beim Streben nach Erfolg und Anerkennung aufbaut und in der Blutbahn festsetzt.

Feiern wir doch lieber den Misserfolg. Immerhin gibt es für eine mäßig gelungene Frisur den Begriff „Bad Hair Day“, um die Katastrophe am Haupt positiv zu konnotieren. Warum also nicht stolz sein auf den „Vierten Jahrestag, an dem ich mich vor der Herausforderung gedrückt und am Klo versteckt habe“ oder ein Glas Champagner für jedes Fettnäpfchen, in das man mit Genuss hineingetreten ist wie aucch ehrlich gemeinte Auszeichnung für verbockte Projekte, den Titel eines Tor-Danebenschützen-König oder ein T-Shirt mit dem Aufdruck „I quit he Bunjee-Jump!“

Wenn die Bevölkerung anlässlich des Schwache-Leistung-Tages oder der Müden-Performance-Woche freibekommt, erhalten Fehlentscheidungen, Laschheit oder aber auch unbesonnenes Handeln den Stellenwert, der ihnen gebührt: Nämlich als etwas, das zur persönlichen Entwicklung deutlich mehr beiträgt, als jeder Erfolg.

Dr. Ronny Tekal ist Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at

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