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Dr. Ronny Tekal, Medizin-Kabarettist
 
Leben 22. Mai 2017

Datenlos durch die Nacht

Wenn eine Cyber-Attacke ein Krankenhaus lahmlegt

Nicht nur reale Krankheitserreger können unsere Gesundheit gefährden, sondern auch virtuelle Viren. Ein weltweiter Hackerangriff legte vor kurzem weltweit Computersysteme lahm. Über einen eingeschleusten Erpresser-Trojaner wurde Lösegeld gefordert, man drohte sonst, sensible Daten zu foltern und zu vernichten. Ein informatischer Super-GAU. Auch wenn der Spuk bald vorbei war, erkannte man die Verletzlichkeit der digitalen Welt. Da halfen keine Beschuldigungen, dass wohl einige Waldorf-Computer nicht ausreichend gegen die Viren geimpft gewesen waren.

In Großbritannien wurden die Computer großer Krankenhäuser befallen, Operationen abgesagt, Patienten abgewiesen, es gab keine Röntgen- und Laborbefunde, und Rettungswägen wurden umgeleitet. Natürlich kann man anzunehmen, dass die englischen Ärzte durchaus in der Lage sind, Patienten auch abzuhören, ohne zu googeln, wie man das anstellt. Es ist bemerkenswert, dass sich ein analoges Arzt-Patienten-Verhältnis durch einen digitalen anonymen Hacker so leicht verhindern lässt. Da braucht es keine gefährlichen multiresistenten Spitalskeime, ein einfaches Computervirus tut es auch.

Es zeigt, wie sehr wir von der Technik abhängig sind. Konnten wir früher zwei Dutzend Telefonnummern von Freunden und Verwandten auswendig, so sind wir verzweifelt, wenn wird das Smartphone verlieren und nicht mehr nach Hause finden, da wir weder Nummer, noch Adresse unserer Lebenspartner im Kopf haben. Wehe dem Internisten, der gezwungen ist, ohne technische Hilfsmittel zu diagnostizieren, geschweige denn eine Therapie anzubieten.

Ich stelle mir die Szenerien, die in den englischen Spitälern stattgefunden haben müssen, grotesk vor: Die Lichter der Computer gehen aus, die Mediziner stehen völlig ratlos und blank vor dem Krankenbett und fragen sich, wozu das komische schlauchartige Ding gut ist, das sie um ihren Hals tragen. Da bei fehlender Zugriffsmöglichkeiten auf die Daten niemand auf die Idee kommt, nachzufragen, warum ein Patient da ist und was ihm fehlt, wartet man gemeinsam geduldig auf das Eintreffen des IT-Experten. Dabei wäre das so eine schöne Gelegenheit, endlich einmal auf die Dokumentierung zu pfeifen und so zu behandeln wie früher. Das hat sich aber niemand so recht getraut. Das Gegenmittel, das die Verbreitung und den Schaden des Cyber-Angriffs nach kurzer Zeit gestoppt hat, wurde durch Zufall entdeckt, von einem 22-jährigen britischen Programmierer, der gerne Pizza isst, wellensurft und noch bei seinen Eltern wohnt. Ein Glück, dass es sich hier um ein Computervirus handelte. Denn im Falle einer echten Erkrankung wäre der junge Nerd mit seinem Therapievorschlag wohl nicht über das präklinische Ideenstadium und ein Veto der Ethikkommission hinausgekommen. Vielleicht ist es ja doch nicht so schlecht, wenn unsere Kinder stundenlang in ihre Smartphones hineinglotzen.

Dr. Ronny Tekal ist Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at

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