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© Wien, MJÖ

Muslimische Jugend Österreich unterstützt die Aktion „Kochen in der Gruft“.

© eSeL.at - Lorenz Seidler

Vertraute Situationen im täglichen Zusammenleben werden thematisiert.

 
Leben 8. Mai 2017

Was steckt unter dem Kopftuch?

Ausstellungstipp

Schallaburg. Roter Halbmond und rotes Kreuz, ein arabisches Zimmer in Wien um 1900, das Orientgewürz aus dem Supermarkt: Die Ausstellung „ISLAM“ zeigt neben religiösen Objekten überraschende Exponate, die vom „Islam in Österreich“ erzählen. Ein Thema, das uns alle berührt, weil es medial ständig in den Wohnzimmern präsent ist.

Es war nicht so geplant, aber der sogenannte „Kopftuch-Sager“ von Bundespräsident Alexander Van der Bellen und die Reaktionen darauf, hat allen in Erinnerung gerufen, was das bestimmende politische Thema unserer Tage ist. Obwohl es dieser Erinnerung, angesichts des ohnehin emotional aufgeladenen Flüchtlingsthemas, nicht gebraucht hätte. Die Schallaburg, zuletzt mit wenig kontroversiellen Ausstellungen über die Wikinger und die wilden Siebziger auffällig, nimmt sich in ihrer neuen Großausstellung den Islam vor.

„Uns geht es um eine breite Diskussion“, sagt Kurt Farasin, künstlerischer Leiter, was noch recht vage klingt. Etwas konkreter berichtet Kuratorin Maria Prantl über den Entstehungsprozess der Schau. „Es gab immer wieder Leute, die gefragt haben, warum wir ausgerechnet jetzt, wo doch eh schon alles so emotionalisiert ist, dazu noch eine Ausstellung machen müssen. Jetzt erst recht muss man es machen.“ Prantl und Co-Kuratorin wollen Aufklärung betreiben, nichts weniger, „gegenüber diesen monolithischen Bildern, denen man immer wieder begegnet“.

Transparenz und Helligkeit

Ausstellungs-Grafiker Stefan Fuhrer ist für die zurückhaltende Gestaltung der Ausstellungsräume mitverantwortlich. „In diesem aufgeladenen Thema Islam ist sehr viel Transparenz und Helligkeit nötig.“ Ergo: sehr sehr viel Weiß. „Wir wollten keine Ausstellung machen, wo der erste Raum rot, der zweite grün und der dritte gelb ist.“ Das sagt Ausstellungs-Architekt Gerhard Abel. Begründung: In der islamischen Architektur spielt Farbe eine ungeordnete Rolle, umso wichtiger ist das Spiel mit Licht. Wieder was gelernt.

Die Kuratoren haben umfangreich recherchiert, Islamwissenschaftler getroffen und auch mit dem türkischen Friseur ums Eck über deren Alltag gesprochen. So sei es keine Ausstellung über den Islam, sondern mit Menschen islamischen Glaubens in Österreich geworden, sagen sie. Farasin: „Bei Stammtischdiskussionen wird oft vereinfacht, da geht es um Schwarz oder Weiß, Islamisten und Islam, es wird vieles durcheinander geschmissen und genau das wollen wir hier nicht, unsere Gäste sollen das Gefühl haben, jetzt mitdiskutieren zu können, ohne Schlagwörter zu benötigen.“

Die Conclusio der Kuratorinnen mag angesichts der intoleranten Erscheinungsformen des missionarischen Islam überraschen, aber der respektvolle Umgang mit seinen Mitmenschen und seiner Umwelt ist etwas, dass alle drei monotheistischen Weltreligionen eine. Nicht nur auf dem Papier hoffentlich.

Die Texte zur Ausstellung sind viersprachig verfasst, auf Deutsch, Englisch, Arabisch und Türkisch.

Für Schulklassen gibt es interaktive Formulare zum Ausfüllen. Hier können Schüler ihr Talent für das Schreiben von arabischen Buchstaben ausprobieren, etwas, das bei den Kinderführungen im Wiener Papyrus-Museum tadellos funktioniert. Die Geschichte der Kreuzzüge und Türkenbelagerungen wird ebenfalls aufgearbeitet. Weitere Details der Schau, die Sie interessieren könnten: 60 unterschiedliche Koranfassungen werden präsentiert. Ebenda sind zu sehen: aufgestellte Flüchtlingsbetten, Schmuckstücke, ein rekonstruiertes orientalisches Wohnzimmer in Wien um 1900 oder eine an eine muslimische H & M-Filiale erinnernde Laufstrecke, auf der vor allem Kleidungsmöglichkeiten und -einschränkungen für Frauen präsentiert werden.

Im Wohn-Bereich der Ausstellung stehen Demografie, Emanzipation, Rollenbilder, Partnerschaft und Familie im Mittelpunkt. Hinter nachempfundenen Eingangstüren erzählen Muslime den Besuchern aus ihrem Alltag. Dabei geht es auch um die Frage, inwieweit der Islam Einfluss auf soziale Strukturen nimmt. Die Situation von Muslimen am Arbeitsmarkt wird genauso beleuchtet wie die Faszination, die der Orient seit jeher und auch jetzt auf uns ausübt: Kebab, Kunst, Kultur und Kitsch sind die zugehörigen Schlagworte.

Eine Ausstellung auch, die es sich selbst schwer macht. Fremde verstehen im Allgemeinen und den Islam verstehen wollen im Besonderen ist derzeit nicht angesagt. Daher: Chapeau für das Bemühen!

Islam

18. März bis 5. November 2017. Geführte Rundgänge durch die Ausstellung finden an Wochentagen um 10.30 und 14.00 Uhr statt. An Samstagen um 10.30, 13.00 und 14.00 Uhr und an Sonn- und Feiertagen um 10.30, 12.00, 13.00, 14.00 und 15.00 Uhr. www.schallaburg.at

Martin Křenek-Burger

, Ärzte Woche 19/2017

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