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Dr. Ronny Tekal, Medizin-Kabarettist
 
Leben 2. Mai 2017

Achtung, Spoileralarm!

Wenn Sie hier weiterlesen, haben Sie entweder keinen Tau davon, was ein Spoiler ist, oder leiden unter pathologischer Neugier.

In meiner Jugend bedeutete Spoileralarm noch, vor einem Opel Mantra mit imposanter Heckflosse gewarnt zu werden. Die Größe des Spoilers wurde damals als indirekt proportional mit der Größe des Johannes des Lenkers in Relation gebracht. Entsprechende randomisierte Studien dazu gab es jedoch nicht. Spricht man heute von einem Spoiler, so beklagt man die Unsitte des Spaßverderbens. Endlich hat das Kind einen Namen, denn schon früher haben sich Menschen als „Schlussverräter“ unbeliebt gemacht („ist das der Film, in dem der Gärtner der Mörder ist?“)

Spoilern ist durch Globalisierung und Social Media deutlich einfacher und damit auch mächtiger geworden. Wenn der Film Titanic in den USA gedreht wird, erfährt man bereits vor der Premiere, dass das Schiff untergeht.

Auch in der Medizin wird durch die verbesserte Diagnostik zunehmend gespoilert. So musste man früher die Schwangerschaft abwarten, um das Geschlecht des Neugeborenen bei der Geburt zu erfahren. Zwar gab es einige erfahrene Hebammen, die anhand der Bauchform der Mutter, des Vaters oder des Geburtshelfers wussten, ob es ein Bub oder ein Mädchen werden würde, doch auch waren Überraschungen möglich. Der Ultraschall behält indes meist recht und der Geburtsvorgang ist um eine Attraktion ärmer.

Im Unterschied zu Kriminalromanen ist das gespoilterte Ende im echten Leben jedoch keineswegs gewiss. Wie seriös kann man die Frage „Wie lange hab ich noch zu leben“ mit „Eine Langspielplatte brauchen Sie sich nicht mehr zu kaufen“ beantworten? Man kann heute sogar genetische Erkrankungen feststellen, die mit großer Wahrscheinlichkeit in 50 Jahren ausbrechen werden. Nicht einberechnet in diese Wahrscheinlichkeit ist allerdings der medizinische Fortschritt der Zukunft, der medizinische Irrtum der Gegenwart oder die Möglichkeit, bereits mit 30 beim Fallschirmspringen das Zeitliche zu segnen.

Letztlich gibt es in der Medizin auch das von Ethikern so gerne diskutierte „Recht auf Nichtwissen“. Vor allem dann, wenn man eine Diagnose stellt, die einem den Tag versaut, ohne etwas dagegen unternehmen zu können. Wir wollten vorsichtig mit Prognosen sein, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen. Denn – frei nach Nestroy – ist man erst im Nachhinein ein guter Prophet. Es sollte uns auch zu denken geben, dass man sich umgekehrt, in punkto Gesundheit, nur selten dazu hinreißen lässt, Garantien abzugeben. Natürlich rutscht einem manchmal jovial ein „mit so einem Blutdruck werden Sie 120 Jahre alt“ raus. Aber nicht einmal bei 119-jährigen Patienten würde man darauf wetten wollen.

Sind wir froh, dass das Leben spoiler-resistent ist. Betrachten wir Börsengurus, Zukunftsforscher und Risikofaktoren-Ersteller als unterhaltsame Gedankenspieler, und schreiten wir voller Zuversicht ins Ungewisse.

Dr. Ronny Tekal ist Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at

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