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Komödie mit Einwanderern: Der programmierte Publikumshit „Ein Dorf sieht schwarz“ basiert auf einer wahren Geschichte.

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Die braven Bürger von Marly-Gomont schießen schon mal auf Fremde, ehe sie Hallo sagen.

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Die schrillen Freunde aus Brüssel bringen die Zantokos in die Bredouille. 

 
Leben 24. April 2017

Schwarz ist eine warme Farbe

Filmtipp

Ein kongolesische Doktor will sich im Provinzkaff Marly-Gomont einen Namen machen, stattdessen wird er nur heruntergemacht. Seine Familie macht ihm die Aufgabe auch nicht leicht. Völkerverständigung im 70er-Retrolook. Und mit Happy End.

Eigentlich ist der in Paris ausgebildete Arzt Dr. Seyolo Zantoko ein charakterfester Mann. Er lehnt das lukrative Angebot, Leibarzt des Dikators Mobutu Sese Seko, rundweg ab. Seine Familie hätte ausgesorgt, doch sein Gewissen lässt es nicht zu, das Offert anzunehmen. Stattdessen bietet er einem Bürgermeister aus der nordfranzösichen Provinz, der seinerseits händeringend einen Arzt für seine Gemeinde sucht, seine Dienste an. Doch auch wenn der konservative Ortschef kurz vor den Wahlen dringend einen Erfolg vorweisen muss, kennt er seine Pappenheimer, und vor allem seinen sozialistischen Gegenkandidaten. Einen Schwarzen würde daheim keiner akzeptieren. Dr. Zantoko zögert auch hier keine Sekunde: „Wenn sie noch nie einen Schwarzen gesehen haben, wird es Zeit!“ Schließlich winkt ihm die französische Staatsbürgerschaft, wenn er sich bewährt.

Seyolo Zantoko will vor allem eins: normal sein, nicht groß auffallen, akzeptiert werden. Seinen Kindern bläut er ein, dass sich Schwarze doppelt anstrengen müssen. Auf die Frage seines Sohnes nach dem Warum, weiß er keine Antwort. Es ist der vielleicht prägendste Moment des Films, ziemlich am Beginn.

Da hat Zantoko seine Familie gerade nachkommen lassen. Gewöhnt an ein komfortables Mittelschichtleben in Kinshasa, tropische Temperaturen und gesegnet mit überbordendem Temperamemnt ist Zantokos Frau entsetzt als sie über gatschige Feldwege zu der schimmeligen Barracke stapfen muss, in der die Familie Zantoko vom Bürgermeister untergebracht wird.

Was nun folgt ist absehbar, handwerklich etwas bieder und dennoch sehenswert, mit „lustige Ängste und gehässige Ablehnung“ fasst der Spiegel-Rezensent den Verlauf des ruhigen Lehrstücks zusammen. Bis es zur unvermeidlichen Integration der Zantokos kommt, werden alle Vorurteile und Missverständnisse durchdekliniert, die zwischen zwei einander fremden Kulturen so passieren können.

Da gibt es die Tochter Sivi, die zangerlt wie der dunkelhäutige Fußballgott Jean Tigana, von der kickenden Dorfjugend aber ignoriert wird; da gibt es die Frau des schwarzen Arztes, die beim Einkaufen behandelt wird als sei sie nicht ganz bei Trost; da gibt es aber auch den guten Bauern Jean, der Zantoko eine Arbeit als Stallbursche gibt als seine Praxis nichts abwirft. Denn selbst wenn sich ein Patient zu ihm verirrt, weigert er sich zu bezahlen. Er sei schließlich kein richtiger Arzt, sagen die Dorfbewohner. An schönen bis rührseligen Momenten hält der Film ebenfalls einiges bereit.

Weil die Gerechtigkeit siegt. Tochter Sivi setzt sich gegen die ebenso großspurigen wie talentbefreiten Burschen bei Fußballspielen durch und schießt den Dorfverein zum Aufstieg. Weil die Liebe siegt. Anne, Zantokos Frau, verlässt ihren überangepassten Medizinmann zwar, um zu einer Verwandten nach Brüssel zu ziehen, aber lange hält sie nicht durch. Weil die Vernunft siegt. Die hochschwangere Frau, die sich von Zantoko nicht einmal abhorchen lassen will, muss, als die Wehen einsetzen, nachgeben, freilich nicht ohne ihn anzuschreien und zu beflegeln.

Krise der Migration schwingt mit

Die Geschichte ist, kurz vor der französischer Präsidentschaftswahl, die richtungsweisenden Charakter auch für die EU hat, natürlich hochaktuell. „Natürlich sehen wir auf der Leinwand die 1970er-Jahre, vor allem anhand der Kleidung, aber ich wollte keine zu starke Zeitgebundenheit. Die Handlung spielt auf dem Land, aber zwischen Gestern und Heute hat sich nicht so viel geändert im ländlichen Milieu. Dies erlaubt eine moderne Erzählweise, in der die Krise der Migration mitschwingt. Vor zwei oder drei Jahren habe ich mich noch gefragt, ob man die Geschichte wirklich erzählen soll. Die Antwort ist heute eindeutig.“ Das sagt Regisseur Julien Rambaldi.

Der Film zeige das Zusammentreffen verschiedener Welten. „Welten, die sich nicht kennen, ein bisschen wie am Anfang einer Liebesbeziehung, wenn man sich noch aneinander herantasten muss. Man spürt Angst vor dem anderen, aber nach und nach gewinnt das Vertrauen die Oberhand. Das ist der Motor des Films: Seyolo muss das Vertrauen der Dorfbewohner gewinnen. Er gehört zu den außergewöhnlichen Menschen, die schon bei der ersten Begegnung einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Ein Typ, der den Kongo verlässt und sich mit seiner Familie ausgerechnet in Marly-Gomont niederlässt, wo er sich auch durch größte Schwierigkeiten nicht entmutigen lässt. Einer, der nicht aufgibt. Allein sein Glaube ist doch schon bewundernswert. Eine tolle Kinofigur.“

Und noch etwas sei bemerkenswert: Mit den Hauptdarstellern Marc Zinga und Aïssa Maïga gebe es erstmals einen publikumswirksamen französischen Film mit einem schwarzen Paal in den Hauptrolle. „Und das im Jahr 2016! Verrückt, oder?“

Der wahre Seyolo starb 2009

Die Geschichte hinter dem programmierten Frühlingskinohit – Originaltitel Bienvenue à Marly-Gomont – beruht übrigens auf wahren Ereignissen aus den 1970er-Jahren. Die Bürger von Marly-Gomont setzten sich mit einer Petition für seine französische Staatsbürgerschaft ein. Der Mann aus Kinshasa blieb bis zu einem tödlichen Autounfall am 30. August 2009 ein geachteter und beliebter Arzt und diente seinen Patienten mit ganzer Kraft. Ein Jahr vor seinem Tod wurde er mit der Verdienstmedaille der Picardie ausgezeichnet. Zu seiner Beerdigung versammelte sich das ganze Dorf, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Einem, der zu ihnen gehörte, Heimat und Freunde in der Fremde fand.

1975: Seyolo Zantoko ist Arzt und stammt aus dem Kongo. Als er einen Job in einem Kaff nördlich von Paris angeboten bekommt, beschließt er, mit seiner Familie umzuziehen. Sie erwarten Pariser Stadtleben, treffen aber auf Dorfbewohner, die zum ersten Mal in ihrem Leben einem afrikanischen Arzt begegnen.

Regie: Julien Rambaldi

96 Minuten

Mit Marc Zinga & Aïssa Maïga

Frankreich 2016

Martin Křenek-Burger

, Ärzte Woche 17/2017

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