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Dr. Ronny TekalMedizin-Kabarettist
 
Leben 7. April 2017

Frohe Ostern und blaue Tabletten

NebenWirkungen

Der Frühling ist wieder ins Land gezogen und damit auch die Frühlingshormone.

Die Jahreszeiten hatten für unsere Ahnen unbestritten einen weitaus bedeutenderen Einfluss auf den Alltag, als für die heutige Generation. Man blickte am sonnigen Siebenschläfertag gespannt gen Himmel, um zu sehen, ob das Wetter tatsächlich sieben Wochen so bleiben mag, und dachte nach sieben Wochen Regen nicht mehr daran, dass der Siebenschläfer eigentlich ein lausiger Meteorologe ist.

Mittlerweile ist der klassische Bauernkalender zur bloßen Folklore mutiert, man belächelt den Glauben der Landwirte, dass es hagelt, wenn die Kuh auf der Alm furzt. Wer um die Auswirkungen der Methangase aus den Gedärmen der Nutztiere auf die Ozonschicht Bescheid weiß, lächelt wohl etwas weniger – so er nicht wie Donald Trump oder Wladimir Putin die Existenz des Klimawandels, der Ozonschicht und der Kühe generell bestreitet.

Es war damals wichtig zu wissen, wann man die Kornkammern füllt, die Ernte einbringt oder die Saat vor Trockenheit und Frost schützt. Für das Gros der heutigen Bevölkerung ist lediglich relevant, welche Supermarktkette gerade eine Rabattaktion hat. Die gibt es auch bei Minustemperaturen. Wir heizen im Winter, kühlen im Sommer, pollenfiltern im Frühling und lichttherapieren im Herbst. Man lässt die liebe Natur Natur sein, frönt der wohltemperierten Gleichmäßigkeit und beschwert sich darüber, dass es im Jänner keine Erdbeeren von heimischen Biobauern gibt. Dennoch scheint uns der Wechsel der Jahreszeiten mehr zu beeinflussen, als vielen lieb ist. Auch wenn manche Physiologen die Existenz der Frühlingsgefühle anzweifeln, ist es doch evident, dass die Temperatur direkt proportional mit der Gamsigkeit korreliert. Nicht umsonst werde ich in diesen Monaten oft gebeten, launige Betrachtungen für Gesundheitsmagazine zu verfassen, die meist mit „im Frühling spielen die Hormone verrückt“ betitelt werden.

Tatsächlich feierte man rund um Ostern bereits zu vorchristlicher Zeit Frühlingsfeste und die germanische Fruchtbarkeitsgöttin Ostara dürfte an der Namensgebung nicht ganz unbeteiligt gewesen sein. Auch der Hase, der meines Wissens im Neuen Testament nur eine untergeordnete Rolle spielt, gilt wie das Ei als Symbol für Fruchtbarkeit. Da kann eine kleine blaue rautenförmige Tablette in punkto Symbolik nicht mithalten.

Damit solche Frühlingsfeste nicht ähnlich spurlos am modernen Stadtmenschen vorübergehen wie der Nebel, der Frost oder die Hitze, findet man auch in den Innenräumen zahlreiche Symbole, die zeigen, dass es nicht mehr Weihnachten ist. Büroräumlichkeiten sind mit Osterschmuck verziert, Schulkinder bemalen in geschlossenen Klassenräumen Eier aus Styropor und in den Supermärkten gibt es Oster-Rabattaktionen für Obst, das es zu dieser Jahreszeit eigentlich gar nicht geben dürfte.

So kommen unsere Frühlings-Hormondrüsen wieder in Stimmung, selbst wenn wir keinen einzigen Schritt ins Freie machen.

Dr. Ronny Tekal ist Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at

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