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Heilung des Gichtbrüchigen: Aus dem Goldenen Evangelienbuch Heinrichs III, um 1050.
 
Leben 7. April 2017

Jesus der Psychosomatiker

Ostern. Viele Gläubige halten es für wahrscheinlicher, dass Jesu von den Toten auferstanden sei als dass er Kranke heilen konnte. Woher kommt der Glaube? Dazu muss erst die Frage beantwortet werden, was man zur Zeit Jesu überhaupt tun konnte, wenn man krank war.

Umfragen fördern mitunter wirklich spannende Ergebnisse zutage. So glaubten laut einer Umfrage für die ehemalige evangelische TV-Show Tacheles mehr Befragte daran, dass es Jesus möglich war von den Toten aufzuerstehen (43 Prozent), als Blinde sehend und Lahme gehend zu machen (39 Prozent). Dieses Ergebnis wirft ein Streiflicht auf das medizinische Allgemeinwissen und lässt erahnen, wie stark die Wundergläubigkeit – also das Auftreten unerklärlicher Phänomene wie die Heilung durch einen Nicht-Mediziner wie Jesus – einst verankert war. Aber wie gingen die Zeitgenossen Jesu überhaupt mit Krankheit um, welche Hilfsmittel standen ihnen zu Gebote und welche Rolle nahm Jesus in dieser Gemengelange ein – , eine National Geographic-Dokumentation ging dieser Frage nach.

Der erste Hinweis fand sich in den Schriftrollen von Khibet Qumran am Toten Meer, dort ist vom Messias als Heiler die Rede. Das ist kein Zufall. „Diese beiden Dinge gehörten nach damaliger Vorstellung zusammen. Der Messias konnte dich von allen physischen und psychischen Leiden befreien“ Das sagt der israelische Archäologe Gabriel Barkay, der mit einer weiteren Erkenntnis aufhorchen lässt. Es gab in der Antike kopfchirurgische Operationen. „Von Untersuchungen der Knochen wissen wir, dass einige der Patienten sogar überlebt haben.“

Im Alltag der einfachen Menschen waren chirurgische Eingriffe von Spezialisten die Ausnahme. Der Alltag in römischen Städten war weniger durch gestählte Körper, Schönheitskult und penible Hygienevorschriften geprägt, sondern durch die stinkenden öffentlichen Latrinen. Wahre Keimschleudern ihrer Zeit. Auch wenn Jesus und seine Zeitgenossen von Infektionskrankheiten und Keimen nichts wussten. Viele Menschen im Reich litten zum Beispiel an Darmkrankheiten, vermutlich weil das Wasser in öffentlichen Latrinen selten ausgetauscht wurde und sich so eine Schlammschicht auf der Oberfläche bilden konnte.

Man schützte sich mit Amuletten vor dem Neid und der Missgunst der Mitmenschen, vertraute auf das Wissen der Heilkräuter, verpasste sich Schlammkuren am Toten Meer oder ließ sich „böses Blut“ von Blutegeln abzapfen. Angesichts dieser eher fragwürdigen Primärversorgung ist nachvollziehbar, dass die Menschen zu Wunderheilern gingen. Der Medizinkabarettist Eckart von Hirschhausen erklärte in der eingangs erwähnten TV-Sendung: „Ich glaube, dass Jesus ein exzellenter Psychosomatiker war.“ Jemand, der sage „Steh auf und geh!“ sei kein Psychoanalytiker, der zuerst die Vergangenheit des Kranken aufarbeiten wolle. „Jesus war ein Meister der Kurzzeittherapie.“

Zwar gab es Beschwerden und Krankheiten, gegen die ein Kraut gewachsen war (siehe Zusatzbericht), aber Blindheit, gehörte nicht zu dazu. Als also das Gerücht die Runde machte, Jesus habe genau so ein Wunder am Teich von Siloah (Anm.: in Jerusalem) vollbracht, strömten Menschen mit allen möglichen damals unheilbaren Krankheiten zu der Quelle, um Jesus zu treffen. Im Evangelium nach Johannes (Joh. 9, 7) wird die Heilung eines Blindgeborenen folgendermaßen geschildert: Als er (Jesus, Anm.) das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden. Und er sprach zu ihm: Geh zum Teich Siloah und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.

Auch heute noch sind sogenannte „Healer“ ohne medizinische Ausbildung in Jesu Heimat tätig. Und ihre Wartezimmer sind voll. So auch jenes von Oren Zarif, einem „Energy Healer“. „Ich dringe in dein Unterbewusstsein ein und übertrage Energie“, sagt er dem National-Geographic-Redakteur. Er selbst bezeichnet sich nicht als Wunderheiler, sondern als „Werkzeug“. In der Schulmedizin sei kein Platz für Menschen wie ihn, für Psychosomatiker. Eine Patientin in Zarifs Wartezimmer spricht aus, was sich wohl auch die „Patienten“ von Jesus gedacht haben mögen: „Ich weiß nicht, was er tut, ich will mich einfach nur besser fühlen.“

Wenn selbst der Magier nicht helfen konnte, gab es immer noch Kult-Objekte in der Form des befallenen Körperteils, einen kleinen Tonfuß zum Beispiel. Man ließ einfach nichts unversucht, sich des Beistand der Götter bzw. des Gottes zu versichern.

Korrespondierende Beiträge:

Die Instrumente gab es schon zur Zeit Jesu

 

Hand bannt Neid, Blei hilft nach

 

Selbstbedienung vor der Haustür

 

Bluten und bluten lassen

Martin Křenek-Burger
, Ärzte Woche 15/2017

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