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Dr. Ronny Tekal Medizin-Kabarettist
 
Leben 31. März 2017

Eröffnung der Runner’s High-Saison

Warum es so hip ist, bei einem der zahlreichen Marathonbewerbe anzutreten.

Es gibt gewisse kalendarische Regelmäßigkeiten, die aufgrund der Rotation der Erde um die Sonne, um sich selbst und um das Land Niederösterreich stattfinden. Neben der Tag-Nacht-Gleiche und dem Song-Contest sind es vor allem die zahlreichen Volksläufe, die zu Beginn der warmen Jahreszeit ihre Hochsaison haben.

Tausende von Menschen bevölkern Rundwanderwege und Hauptverkehrsadern, um sich als Menge des schlechten Gewissens für die Couch-Potatoes mal schneller, mal langsamer in Richtung Ziel zu bewegen. Dafür ist man durchaus bereit, die durchaus stolzen Startgelder zu bezahlen, obwohl man weniger Aussicht darauf hat, am Stockerl zu landen, sondern vielmehr nach einem Bänderriss, am Stockerl zu gehen. Es geht also mehr ums „dabei sein“, um den „Event“. Man will auch nicht schneller sein, als andere Bewerber, sondern nur schneller, als man selbst (und als der Arbeitskollege).

Laufen hat sich auch imagemäßig in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verändert. War es früher die Sportart der ärmeren Schichten, die sich keine Golfbälle leisten konnten, so kostet der durchschnittliche Laufschuh mit atmungsaktiver Turbo-Fresh-Foam-Balance-Zone, geschäumter Pronationsstütze und dynamischer Sohlengeometrie so viel wie die Jahresgebühr für den Golfplatz. Rechnet man noch die nanotechnologisch aufgebesserte ultraleichte Laufbekleidung, die den Schweiß nicht nur absorbieren, sondern diesen auch in ein hochenergetisches isotonisches Getränk aufbereiten kann, die GPS-Pulsuhr, die sportmedizinische Laufanalyse mit Laktat-Bestimmung und den Personal-Lauftrainer dazu, so kann man sich darum bereits einen ganzen Golfplatz kaufen. Dennoch ist Laufen auf Dauer unterm Strich ein billigeres Hobby, als etwa Kokain, so man nicht unbedingt zum teuersten Laufschuh greift.

In der bewegten Lauf-Geschichte änderte sich weniger der Bewegungsablauf, sondern eher die Semantik. So sagte man früher salopp: „Ich geh laufen!“ (in der Prä-Bobo-Zeit), dann „Ich geh joggen“ (im frühen Aerobic, knapp vor dem Trias und Triathlon), schließlich „Ich bin dann mal weg!“ (in der Pilger-Ära), bis zu „Ich mach dann mal einen Run“ (in der Laktat-Epoche), um neuerdings beim „laufen_voll_swag_bro_YOLO“ zu landen. All das, um in das „Runner’s High“ zu gelangen, den Zustand eines Gratis-Morphinrausches durch die körpereigenen Botenstoffe. Dazu muss es nicht immer gleich ein Ironman oder Marathon sein. Es gibt auch Staffel-, Kurzstrecken- oder Perchtenläufe.

Und für alle Daheimgebliebenen bleibt der Trost, dass einige Läufe auch im Fernsehen übertragen werden, und man für einen Langstreckenlauf nicht einmal außer Haus muss. Rund viertausend Mal die Strecke Fernsehcouch-Kühlschrank tour-retour und man hat bereits die Marathondistanz geschafft. Dabei aber nicht auf die sohlengedämpft-dynamischen-Runner’s-Schlapfen vergessen.

Dr. Ronny Tekal ist Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at

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