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Dr. Ronny TekalMedizin-Kabarettist
 
Leben 13. März 2017

Die Produkte mit dem speziellen Nichts

Wie uns die Lebensmittelkonzerne gesünder, als gesund machen.

Nachdem die vorangegangene Kolumne, mit den Diät-Empfehlungen zwischen „no Carb!“ und „scho Carb!“, auf großes Interesse gestoßen ist, gibt es hier noch einen Nachschlag. Denn die wissenschaftlich fundierten Erkenntnisse zur gesunden Kost sind starken modischen Schwankungen unterworfen und basieren auf den Lebensmitteln, die gerade zur Verfügung stehen.

Dass zwei Menschen aus der Steinzeit tatsächlich zueinander gesagt haben sollen: „Na, machst du auch grad Paleo-Diät?“ darf bezweifelt werden. Denn ein einfacher und gewerkschaftlich noch nicht organisierter Jäger und Sammler hätte es schwer gehabt, auf Chia-Samen, Acai-Beeren, Maca-Pulver oder sonnengereiften Datteln zurückzugreifen. Wahrscheinlich war er froh, gelegentlich an einem altersschwachen Kaninchen oder einer altersschwachen Wurzel knabbern zu können, um selber Mitte Zwanzig an Altersschwäche das Zeitliche zu segnen. Hätte er sich damals ausschließlich von „Super-Food“ ernährt, könnte man ihn sicher heute noch danach fragen, so alt wäre er damit geworden.

Hippokrates verordnete seinen antiken Patienten weder eine Mittelmeer-Diät, noch Moussaka, sondern rief zur Mäßigung auf, zum weitgehenden Verzicht auf Fleisch und der Hinwendung zu Vollkornbrot, Obst und rohem Gemüse (was den für uns bekanntesten Arzt der Antike wahrscheinlich nicht zum beliebtesten Arzt der Antike werden ließ). Den Genuss von Fleischbergen und Stierhoden legte man indes den olympischen Athleten nahe, bis es der Dopingkommission gelang, die Stierhoden im Blut nachzuweisen.

Zum Glück ermöglicht die moderne Lebensmitteltechnologie, all die schlimmen Dinge aus der Nahrung zu kicken, sodass wir verzichtlos alles verzehren können. Dann bekommt das Lebensmittel ein Adelsprädikat: Milch, „frei von“ Laktose. Die Zahl der Produkte mit dem gewissen Wenig-Wert nimmt kontinuierlich zu: „fruktose-frei“, „gluten-frei“, „toyota-frey“. Ob die Zahl derer, die Gluten nicht vertragen tatsächlich so sprunghaft angestiegen ist, oder das Angebot nicht letztlich die Nachfrage steuert, ist fraglich. Denn viele greifen aus Prinzip zu Lebensmitteln, in denen etwas explizit nicht enthalten ist, also Gluten, Zucker, Gene oder Nährstoffe. Mit dem Beisatz „wertvolle Vitamine beigefügt“ lässt sich heute kein Gewinn mehr erzielen, sehr wohl hingegen mit einem Aufdruck „wertvolle Vitamine weggelassen“.

Auch wenn sich Personen mit Laktoseintoleranz durch den Konsum laktosefreier Milch sicher einiges an Ärger ersparen, saufen ihnen die anderen Konsumenten die Milch weg, in der Annahme, dann noch gesünder zu sein, als nur gesund. Und dass selbst auf mancher Mineralwasserflasche der Aufdruck „glutenfrei“ zu finden ist, zeigt, dass man Wasser heute auch ohne Brot herstellen kann.

Dr. Ronny Tekal ist Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at

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