zur Navigation zum Inhalt
© Yonhap / picture alliance
Kim Jong Namfährt Jet Ski (Archivb. 1987).

 

Tatort Kuala Lumpur: Auf Bildern eines Überwachungsvideos sollen die mutmaßlichen Attentäterinnen auf Kim Jong Nam (Archivbild 1987, unten) zu sehen sein.

© (3) Kyodo / MAXPPP / dpa

© (3) Kyodo / MAXPPP / dpa 

 
Leben 5. März 2017

Ein effektiver Killer

Attentat. Zwei Frauen, möglicherweise Agentinnen im Auftrag des nordkoreanischen Regimes, stehen in Malaysia vor Gericht. Ihnen droht die Todesstrafe. Sie sollen den Halbbruder von Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un ermordet haben – mit dem Nervengift VX, das es eigentlich gar nicht geben dürfte.

„VX ist ein Thema, über das eine normalsterbliche Toxikologin wie ich nur wenig weiß, das ist eher eine Geheimdienstsache.“ Die Wiener Forscherin, die anonym bleiben will, hat nicht ganz unrecht. VX ist eine geächtete Biowaffe, dazu gibt es nur wenig zugängliche Literatur. Der Name leitet sich von Viscous (viskos) ab, wegen der öligen Konsistenz. Laien kennen den Namen des Giftstoffes höchstens aus dem Action-Reißer „The Rock“ aus dem Jahr 1996. Ein US-Brigadegeneral (Ed Harris) besetzt die Gefängnisinsel Alcatraz und zielt mit 15 VX-bestückten Raketen auf San Francisco.

Als bekannt wurde, dass der Halbbruder des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Un, Kim Jong Nam, Opfer einer VX-Attacke geworden ist, schrillten in den Staatskanzleien weltweit die Alarmglocken Die tschechische Regierung äußerste sich besorgt, da ein weiterer Verwandter des nordkoreanischen Machthabers in Tschechien lebt. Kein Wunder: Schon kleinste Mengen des Kampfstoffs, der im Gesicht von Kim Jong Nam sicher gestellt wurde, sind tödlich. Die mittlere Dosis, die bei Erwachsenen zum Tode führt, liegt bei zehn Milligramm.

Vor allem bei der Aufnahme über die Haut gilt VX als deutlich giftiger als etwa das flüchtige Nervengas Sarin, das bei den Terroranschlägen der Aum-Sekte in den Neunzigerjahren in Japan, aber auch im ersten Golfkrieg (1988) im Irak und im Syrischen Bürgerkrieg (2013) zum Einsatz kam. Die Aum-Sekte stellte sogar VX selbst her.

VX und die ihm verwandten Nervengifte gelten als sogenannte binäre Kampfstoffe. Das bedeutet, dass sie normalerweise erst beim unmittelbaren Einsatz erzeugt werden.

Seit 1997 fallen die Verbindungen unter die Chemiewaffenkonvention der Vereinten Nationen. Länder müssen ihre Bestände bekannt machen und vernichten. So dachte man bis zu jenem 13. Februar auf dem Internationalen Flughafen von Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur.

Auf Bildern eines Überwachungsvideos ist zu sehen, wie sich zwei Frauen dem 45-Jährigen nähern. Eine greift ihn von hinten an und drückt ihm ein Tuch ins Gesicht. Nach dem Angriff wendet sich das Opfer an das Flughafenpersonal. Er soll über Übelkeit geklagt und sich die Augen gerieben haben. Laut Polizei starb Kim 15 bis 20 Minuten später unter Krämpfen, noch bevor er das Krankenhaus erreicht hatte. Südkoreanischen Regierungskreisen zufolge erteilte Nordkoreas Machthaber bereits vor Jahren den Auftrag zur Ermordung seines älteren Halbbruders. Nun ergab sich offenbar eine günstige Gelegenheit. Immerhin lebten Kim und seine Familie unter dem Schutz der chinesischen Regierung.

Der Linzer Chirurg Prof. Dr. Gerhard Freilinger kennt die Wirkung von VX aus eigener Anschauung. Er behandelte in den 1980er-Jahren u. a. kurdische Giftgasopfer. „Ein trauriges Kapitel, auch in meinem Leben.“

VX unterbricht die Reizweiterleitung zwischen Nerven und Muskeln. Die Symptome einer Vergiftung sind denen eines epileptischen Anfalls ähnlich und bestehen aus Krampfanfällen, Erbrechen oder Atemproblemen. Ein Großteil der Opfer stirbt an Sauerstoffmangel infolge aussetzender Atmung. Besonders charakteristisch für den Einsatz von Nervengiften sind enge, stechnadelgroße Pupillen, die beim Kontakt mit anderen Toxinen nicht auftreten. Das sagt Martin Weiler, Leiter des Referats Biologie und Toxikologie an der ABC-Abwehrschule des Bundesheeres. In einem Interview für die ZiB 1 meinte er außerdem: „Wenn ich ein Nervengift in der Form einsetzen will, dann ist VX natürlich nicht schlecht – unter Anführungszeichen.“ Begründung: „VX wird von der Haut aufgenommen und verdampft nicht.“

Ob die mutmaßlichen Attentäterinnen, eine 28-jährige Vietnamesin und eine 25-jährige Indonesierin, Agentinnen waren, oder ob ihre Version stimmt, dass sie die Aktion für einen Gag in einer TV-Show gehalten haben – sie sollen 400 Ringgit, etwa 85 Euro, dafür erhalten haben – muss nun ein Richter klären. Die Anklage lautete auf Mord.

VX oder auch O-Ethyl- S-2DiisopropylaminoethylMethylphosphonothiolat ist ein synthetisches Nervengift, sirupartig und zehnmal giftiger als Soman (ein weiteres Nervengas). Die Verschlechterung des Ost-West-Verhältnisses nach dem 2. Weltkrieg führten zur Zunahme der C-Waffen-Länder. In den 1950er-Jahren entwickelte die US-Armee V-Kampfstoffe (VX), teilweise auf Basis von Patenten aus der Bayer-Insektizid-Forschung. Das berichtet die „Neue Rheinische Zeitung“. Gibt es ein Antidot? Atropin.

Info

Martin Křenek-Burger

, Ärzte Woche 10/2017

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben