zur Navigation zum Inhalt
© Tim M. Blackburn, University College London
Das nordamerikanische graue Eichhörnchen hat das heimische rötliche Eichhörnchen in Großbritannien fast verdrängt.
 
Leben 20. Februar 2017

Die große Gleichmacherei

Neue Bürger. Die Anzahl gebietsfremder Tier- und Pflanzenarten nimmt kontinuierlich zu und es gibt keine Anzeichen, dass dieser Trend abnimmt. Derzeit werden 1,5 neue Arten pro Tag weltweit beobachtet.

Zwar war bekannt, dass die Anzahl der Arten, die durch den Menschen in neue Gebiete eingeführt wurden, in den vergangenen Jahrzehnten anstieg. Unklar blieb, ob die Spitze des Eisbergs schon erreicht ist. Der Ökologe Dr. Franz Essl von der Universität Wien sagt: „Für alle Organismengruppen auf allen Kontinenten stieg die Anzahl gebietsfremder Arten in den letzten 200 Jahren stetig an. In vielen Fällen ist sogar die Rate der Einführung in heutiger Zeit am höchsten. Ausgenommen bei Säugetieren und Fischen fanden wir keine Hinweise auf eine Abschwächung dieser Trends. Wir müssen daher mit mehr Invasionen in Zukunft rechnen.“ Essl ist Mitautor der Studie „No saturation in the accumulation of alien species worldwide“, erschienen in Nature Communications ( go.nature.com/2kRYDFk ).

Die Forscher erstellten eine Datenbank mit dem jeweiligen Datum des Erstfunds einer gebietsfremden Art in einer Region außerhalb ihres Heimatgebiets. Die Datenbank enthält über 45.000 dieser Erstfunde von über 16.000 Arten und bildet die Grundlage für die Analyse der zeitlichen Entwicklung invasiver Arten in den vergangenen Jahrhunderten.

Es konnte gezeigt werden, dass 37 Prozent aller Erstfunde in den vergangenen Jahrzehnten (1970-2014) aufgezeichnet wurden. Maximal wurden 585 neue Arten in einem einzigen Jahr gefunden, was mehr als 1,5 neuen Arten pro Tag weltweit entspricht. „Allerdings ist der Erstfund gebietsfremder Arten in sehr vielen Fällen nicht bekannt, so dass diese Zahlen die tatsächliche Tragweite der Bioinvasion gar nicht abbilden“, erklärt Dr. Hanno Seebens vom Senckenberg Biodiversity and Climate Research Center, Erstautor der Studie. Die beobachteten Trends variieren zwischen den Organismengruppen, was häufig menschlicher Aktivität zugeordnet werden kann. „Wir fanden einen deutlichen Anstieg der Erstfunde von Pflanzen bereits im 19. Jahrhundert, was vermutlich die Intensivierung im Gartenbau widerspiegelt. Viele andere Organismen wie Insekten, Muscheln oder Algen zeigen einen starken Anstieg nach 1950, was sehr wahrscheinlich dem verstärkten internationalen Handel geschuldet ist“, erklärt Seebens. Der beispiellose Anstieg gebietsfremder Arten hat massive Konsequenzen, da einheimische Spezies verdrängt und natürliche Lebensräume dadurch verändert werden. Zusätzlich kommt es zu einer globalen Homogenisierung der Floren und Faunen, regionale Unterschiede gehen verloren.

Martin Křenek-Burger

, Ärzte Woche 8/2017

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben