zur Navigation zum Inhalt
© aldomurillo / Getty Images / iStock
 
Leben 20. Februar 2017

Geheimes Leiden Kaufsucht

Zwei Drittel der Frauen gehen bei Stress einkaufen. Für einige wächst sich dieses Entspannungsritual zu einer finanziellen und psychischen Belastung ersten Ranges aus.

Das Konto ist überzogen, der Kasten quillt über vor Kleidung, im Keller liegen Schuhe, Bücher und Parfüms, manches noch in Originalverpackung, herum. Trotzdem hat Laura M., 35, das Gefühl, etwas Neues zu brauchen. In der Mittagspause surft sie im Internet, um online nach Schnäppchen zu suchen. Und hat auch schnell etwas gefunden: Heute sind es schwarze Sportschuhe im Abverkauf, die gibt es sonst sicher nicht mehr um diesen Preis, ist sich Laura M. sicher. „Während des Kaufens habe ich ein Hochgefühl“, erzählt sie. „Ich fühle mich wie im Fieber“. Danach sind die Dinge meist nicht mehr interessant.

Angefangen hat alles vor zwei Jahren. „Da hatte ich eine Lebenskrise“, so Petra S. Sie begann, sich mit Schuhen, Kleidung oder Handtaschen zu „belohnen“, wenn es ihr schlecht ging. Egal, ob im Internet oder in der Fußgängerzone, „Ich habe immer schon gerne eingekauft, aber eine Zeit lang gar nicht gemerkt, dass es immer häufiger wurde“, sagt S. Erst vor Kurzem hat sie sich eingestanden, dass sie kaufsüchtig ist und Hilfe braucht, nachdem sie nicht mehr aus dem Minus am Konto herauskam. Sie nahm im Internet mit einer Selbsthilfegruppe Kontakt auf und ist seit drei Monaten in psychologischer Betreuung. Die Psychotherapeutin arbeitet mit ihr an ihrem Selbstwertgefühl. Petra S. hatte eine schwierige Kindheit: Die Eltern gaben ihr das Gefühl, nicht gut genug zu sein.

7,8 Prozent sind kaufsüchtig

Laura M. ist kein Einzelfall: Laut einer Studie der Wiener Arbeiterkammer aus dem Jahr 2011 sind 7,8 Prozent der Österreicher kaufsüchtig. Und gar 20 Prozent sind Kaufsucht-gefährdet. Die klinische Psychologin Mag. Astrid Mazhar (Baden bei Wien), sagt, dass der Anteil an Kaufsüchtigen in der Bevölkerung weiter zunehmen wird: „Kaufen ist eine Freizeitbeschäftigung geworden, der man sich nicht so leicht entziehen kann.“ In der modernen Konsumgesellschaft gelte: Wer kauft, ist leistungsfähig. Besonders junge Menschen sind gefährdet. Der gesellschaftliche Druck, immer nach der aktuellsten Mode gekleidet zu sein oder das neueste Handy zu besitzen, ist groß. „Junge Leute verdienen aber oft nicht genug, um sich das leisten zu können und geraten in die Schuldenfalle“, sagt Mazhar. Kaufsucht, auch Oniomanie oder Compulsive Buying genannt, ist eine Erkrankung mit einem hohen Leidensfaktor: Jahrelang unerkannt, haben die Betroffenen meist zusätzlich andere psychische Störungen wie Depressionen, Angststörungen oder Essstörungen. Kaum ein Patient schafft es, ein stabiles Selbstwertgefühl aufzubauen. „Menschen mit Sozialangst kaufen eher im Internet, die anderen suchen die Bestätigung durch den Verkäufer“, sagt die Expertin. Während des Kaufens erleben sie einen Kontrollverlust. Sie kaufen meist Dinge, die sie nicht brauchen und sind oft hoch verschuldet. Probleme in der Familie und am Arbeitsplatz sind die Folgen. Viele landen wegen Zahlungsunfähigkeit oder Betrugs vor Gericht. Prof. Dr. Astrid Müller, leitende Psychologin an der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie an der medizinischen Hochschule von Hannover, beschäftigt sich seit Jahren mit kaufsüchtigen Patienten. Das Problem werde übersehen und bagatellisiert. In Hannover können Betroffene eine neunwöchige ambulante Gruppentherapie machen, die gute Erfolge erzielt: 60 Prozent der Teilnehmer berichten nach Therapieende von einer deutlichen Reduktion des exzessiven Kaufverhaltens.

Selbsttest machen!

In Wien kann man sich an das Ambulatorium für Menschen mit Abhängigkeiten von legalen Suchtmitteln und Verhaltenssüchten des Anton-Proksch-Instituts wenden, wo eine ambulante Therapie, die mindestens acht Wochen dauert, angeboten wird. Christine Raab, dort Sozialarbeiterin, empfiehlt, zuerst den Selbsttest auf der Homepage des Instituts zu machen. „Dann können Betroffene zur Beratung kommen und der Arzt entscheidet über die weitere Behandlung.“

Betroffene können mit der Selbsthilfegruppe von Sieglinde Zimmer-Fiene, kaufsuchthilfe.de , Kontakt aufnehmen. Die heute 60-jährige Sekretärin war selbst jahrzehntelang kaufsüchtig. Seit 15 Jahren leitet sie die Gruppe in Hannover. Sie hat schon vielen Menschen geholfen. In ihrer Selbsthilfegruppe tauschen sich die Betroffenen aus. Es hilft den Patienten, zu wissen, dass sie nicht alleine mit ihrem Problem sind; ein erster Schritt zur Heilung ist damit für viele gemacht. Zimmer-Fiene möchte das Thema Kaufsucht mehr bekanntmachen und ein Problem-Bewusstsein schaffen. In ihrem Buch „Kaufsucht – Mein Leben durch die Hölle“ erzählt sie ihre eigene Geschichte. Sie beschreibt ihre Kindheit mit Eltern, deren Ansprüchen sie nicht gerecht wurde. Sie hörte Sätze wie „Das schaffst du nicht“ und „Das kannst du ja doch nicht“. Zimmer-Fiene sagt, es sei bei ihr auch die Sehnsucht nach Liebe, Anerkennung und Respekt gewesen, die Kaufsucht ausgelöst haben.

„Wie ein Orgasmus“

Mit 29 Jahren erleidet sie einen Schicksalsschlag: Die Mutter zweier kleiner Töchter verliert ihren Mann an Krebs. Noch während er im Krankenhaus liegt, beginnt sie einzukaufen. Für ihn Jogginganzüge und Laufschuhe, für die Töchter teure Geschenke und für sich Kleidung, Kosmetika und Bettzeug. Nur beim Shoppen erlebt sie Glücksmomente. Für sie ist das Kaufen „wie ein Orgasmus“ – und eine Gelegenheit, dem tristen Alltag zu entfliehen. „Ich fing an, meine Verlustängste in Kaufen umzusetzen“, sagt Zimmer-Fiene. In ihrem Buch schildert sie: „Die Kaufsucht ist eine Sucht, die man vor anderen versteckt, bis es nicht mehr geht. Gesundheitlich: Der Körper wehrt sich mit Schmerzen und Depressionen. Psychisch: Wegen der Gedanken um die entstandenen Schulden und Existenzängste. Der Druck ist so groß, dass man sich irgendwann Geld besorgt, egal, von wem. Man zieht alle rein: Kinder, Eltern, Geschwister, Freunde und Bekannte.“ Zimmer-Fiene begibt sich in stationäre Therapie. Die Ärzte können ihr nicht helfen. Sie sehen als Ursache ihres Verhaltens die Trauer um ihren Mann und beruhigen sie, dass das vorbeigehe. Nach ihrer Entlassung kauft sie weiter ein. Später wird sie verhaftet. Sie hat 30.000 Euro Schulden. Sie wird verurteilt und verbringt acht Jahre in der Forensischen Psychiatrie – ist gemeinsam mit Verbrechern und Alkoholikern untergebracht – ohne Diagnose. Erst als eine Mitarbeiterin einer sozialen Einrichtung ihr vorschlägt, eine Selbsthilfegruppe für Kaufsüchtige zu gründen, wird sie sich ihres Problems bewusst. Ein erster Schritt in die richtige Richtung. Sich mit Betroffenen auszutauschen war befreiend. „Wir reden über das Kaufen. Keiner muss sich schämen. Rückfälle gehören dazu“, schreibt sie in ihrem Buch.

Seit sechs Jahren hat sie ihre Sucht im Griff: „Geheilt ist man nie, es wäre eine Illusion, dies zu glauben. Die Sucht entfernt sich, aber ich arbeite jeden Tag daran, sie nicht wieder an mich heranzulassen.“

Buchtipp

Sieglinde Zimmer-Fiene

Kaufsucht. Mein Leben durch die Hölle.

Tinto Verlag 2013, 235 S., Softcover 17,50 Euro

ISBN 978-3-9810849-6-2

Katharina Weinberger

, Ärzte Woche 8/2017

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben