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Dr. Ronny Tekal, Medizin-Kabarettist
 
Leben 20. Jänner 2017

Konkurrenz aus dem WWW

Medizinische Hilfe aus dem Internet anzunehmen wird bei Patienten immer beliebter.

Wir mögen das Internet nicht. Schließlich finden viele unserer Patienten mehr Gefallen an einem anonymen Mediziner im World Wide Web, als an einem gut ausgebildeten, reinlichen und mit dutzenden Ärztekammerdiplomen ausgezeichneten heimischen Arzt. Dr. Google verbreitet indes Halbwahrheiten, empfiehlt Medikamente, für deren Verordnung die Krankenkasse körperliche Züchtigung vorsieht und verfügt nicht einmal über eine einzige kammerlich anerkannte Zusatzqualifikation.

Darüber hinaus verspricht Dr. Google das Weiße vom Kittel. Wo wir höchstens bei guter Führung eine Lebensverlängerung in Aussicht stellen können, sichert das Internet eine Penisverlängerung auf Lebenszeit zu. Da soll man mithalten können!

„Garantierte Wirksamkeit“ lässt sich leicht anpreisen, wenn man die Info über einen Server auf der Pazifikinsel Tonga verbreitet. Dort kommt kein Patientenanwalt hin.

So wird die Ärzteschaft nicht müde, den Wert des persönlichen Kontaktes zwischen Medizinern und Patienten hervorzuheben. Selbst wenn der zwischenmenschliche Kontakt ausschließlich über den Ultraschallkopf hergestellt wird. Es ist eben ein ganz anderes Erlebnis, nach zwei Halbsätzen von einem leibhaftigen Arzt abgekanzelt zu werden, als von einem Browser. Nein, das Internet ist nicht unser liebster Kollege.

Mit dieser Abneigung sind wir in guter Gesellschaft. Auch der Handel beklagt die zunehmende Abwanderung ihrer Kundschaft ins Netz. Schließlich lässt sich mittlerweile vom Lebensmittel über den Mittelklassewagen bis hin zum Mittelklasse-Lebenspartner alles bestellen, was man so benötigt. Selbst ein viertel Kilogramm Butter bekommt man per Amazon-Drohne binnen Stunden auf sein Haus abgeworfen.

Auf der Strecke bleiben da natürlich Ladenbesitzer, Verkaufspersonal und Parkscheriffs. Auch Apotheker sehen ihre Existenz darin bedroht, dass ihre Kunden lieber auf eine günstige Viagra-Kopie zurückgreifen, als ein teures Original in der heimischen Dorfapotheke zu beziehen, ohne sich in über den Ladentisch ausführlich und lautstark die mögliche Nebenwirkung schildern zu lassen. Wie kann man also diesem unliebsamen Trend in die virtuelle Welt entgegenwirken? Sollen wir jedem verpatzen Eingriff mit dem beliebten hippen Entschuldigungssatz „Ups, das hätte nicht passieren dürfen?“ kommentieren? Vor der Ersten-Hilfe-Leistung mal die Kreditkarte verlangen? Patienten - je nach Verhalten - liken oder shitstormen? Das Internet mag praktisch sein, menscheln tut es jedoch vor allem im echten Leben. Mit all den Nachteilen, aber doch einer gewissen Wärme.

So können wir uns, auch wenn die digitale Welt in manchen Bereichen reizvoller scheinen mag, darauf verlassen, dass sich analoge Patienten auch analoge Ärzte wünschen, die höchstens die Prostata digital untersuchen dürfen.

Dr. Ronny Tekal ist Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at

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