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Dr. Ronny TekalMedizin-Kabarettist
 
Leben 13. Jänner 2017

Die Fliege im Pissoir

Positive Anreize statt Verbote für gesundheitsbewusstes Verhalten.

Wir wollen nur das Beste für unsere Patienten. Und wenn sie partout nicht begreifen wollen, was das Beste für sie ist, müssen wir mitunter auch mit schweren Geschützen auffahren, um das Beste aus ihnen herauszuholen bzw. in sie hineinzuprügeln: Ermahnungen, Empfehlungen, Gebote, Verbote, Drohungen, schwere Drohungen und schwere Drohungen mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben gehören daher zum Portfolio der Ärzte im Umgang mit uneinsichtigen Patienten. Die Methoden mögen zwar allesamt gelebte Praxis sein, befriedigend sind sie jedoch nicht. Die Patienten finden Mittel und Wege, um die Gebote zu umgehen, und die Ärzte finden Mittel und Wege, um ihnen diese Umgehung nachzuweisen. Es ist ein täglicher Kampf.

Dennoch bemerken wir, dass Menschen freiwillig eigenartige Dinge tun, die keinen besonderen Reiz haben. Steuern zahlen etwa, gilt hierzulande als eher unbeliebt, so man nicht gerade das Amt des Finanzministers innehat. Welch Aufschrei würde es geben, käme eine Verordnung, die jeden Bürger verpflichtet, wöchentlich zusätzlich in bar ein paar Extra-Abgaben zu entrichten. Teilt man diesen Bürgern jedoch mit, dass jeder Millionste einen satten Gewinn einstreift, kann man sich des Ansturms an freiwilligen Steuerzahlern in den Lotto-Annahmestellen kaum erwehren.

Ein ähnliches Phänomen findet man bei den passionierten männlichen Daneben-Pinklern. Beim kleinen Geschäft am Pissoir kann man schließlich nicht alles im Überblick haben, vielleicht lenken die Sprüche an der Wand oder der Nebenpinkler so sehr ab, dass man das Ziel verfehlt und auf Wandspruch bzw. Nebenpinkler uriniert. Findige Toilettendesigner nützen den Spieltrieb, um dieses unangemessene Verhalten zu modifizieren: Eine kleine aufgemalte Fliege im Pissoir weckt das Kind im Mann und sorgt dafür, dass das arme Insekt im Strahl ertränkt wird. Tatsächlich wird durch diesen kleinen Trick die Menge des Para-Urinal-Harns um 80 Prozent gesenkt (Ob es ein Pendant auf dem Damenklo gibt, entzieht sich meiner Kenntnis, und ich bitte die Leserinnen um Rückmeldung, sollten Sie eine Fliege in der Klomuschel entdecken bzw. Sie am Hintern Augen haben).

Die Verhaltensökonomie hat hier den Begriff „Nudging“ geprägt, was so viel wie „anstupsen“ bedeutet. Konkret geht es darum, das Verhalten von Menschen in eine vorhersehbare Richtung zu lenken. Ganz ohne Ge- oder Verbote, ohne dass sie sich in ihrer Freiheit beschränkt fühlen. Das geht nicht über den Intellekt, sondern über die Emotion. Denn selbst dem einfältigsten Pinkler ist bewusst, dass es für den Vorgang des Wasserlassens keinen Unterschied macht, ob nun auf oder neben die Fliege gezielt wird. Und es macht mehr Freude, als ein Schild mit der Warnung: „Das Verfehlen der Fliege zieht eine Verwaltungsstrafe bis zum 6-monatigem Sitzpinkeln nach sich“. – So überlegen wir also, ob die spielerische Herangehensweise nicht effektiver ist, als den Teufel mit den schlechten Blutwerten an die Wand zu malen.

Dr. Ronny Tekal ist Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at

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