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Dr. Ronny TekalMedizin-Kabarettist
 
Leben 9. Jänner 2017

Das Ding der Woche: Gangbett

Wieder einmal macht ein Gegenstand Schlagzeilen, den es eigentlich gar nicht geben dürfte.

Immer, wenn etwas völlig Unerwartetes eintritt, also etwa eine Grippewelle in der kalten Jahreszeit, gelangt das Gesundheitswesen an seine Grenzen. Man begeht das neue Jahr traditionell damit, dass sich Ärzte und Pflegepersonal überlastet, die Patienten schlecht behandelt und die Politiker missverstanden fühlen. Anderswo sagt man einfach Prosit.

So herrscht auch Anfang 2017 „akuter Bettenmangel“, wie es im Spitalsjargon so schön heißt, um den Sachverhalt mit einer Parallele zum „akuten Eisenmangel“ auch für Mediziner verständlich zu machen. Diese Betten-Anämie gibt es aus mehreren Gründen. Zum einen ist die angesprochene Grippewelle zu früh gekommen, was mit der Grippe so nicht vereinbart war. Zum anderen waren zu Jahresbeginn viele Kollegen noch auf Urlaub, während die meisten Patienten indes schon wieder ihren Dienst versahen. Diese Umstände treffen nun auf die ohnehin schon angespannte Situation im Krankenhaus und mutieren dort zu Gangbetten.

Lamentieren hilft jedoch nicht weiter. Eine moderne Gesellschaft deutet die Situation positiv – und sucht nach Schuldigen: Die Patientenanwaltschaft überlegt rechtliche Schritte gegen die Grippewelle, was gar nicht so einfach ist, da sich sowohl Zustelladresse als auch Aussehen der Grippeviren von Jahr zu Jahr ändern. Auch die Politik mit ihrem Faible zum Rotstift eignet sich gut zur Beschuldigung. Zuletzt sind es aber auch die Patienten, die eine gehörige Portion Schuld auf sich laden, wenn sie bei jedem lebensbedrohlichen Schnupfen die Ambulanzen heimsuchen. So finden sich Grippeviren, Politik und Patient in trauter Dreisamkeit im Gangbett wieder.

Statt nach Schuldigen zu suchen, darf man aber auch konstruktiv darüber nachdenken, wie man die Situation für alle Beteiligten entschärfen, ja sogar etwas Gutes in der Lage sehen kann. Wann hat ein Patient schließlich die Möglichkeit, im „längsten Spitalszimmer der Welt“ unterzukommen? In ständiger Sichtweite zum Klinikpersonal, umgeben von vielen lieben Verwandten und Bekannten – wenn auch nicht unbedingt den eigenen? Und natürlich darf man sich über seine eigenen vier Kissen freuen, könnte es doch noch ungemütlicher werden. Denn sind auch die Gangbetten voll ausgelastet, so muss man mit Zweit- und Drittbelegungen rechnen. Immerhin lassen sich damit auch Heizkosten senken, wenn man es logistisch schafft, pro Bett zumindest einen fiebernden Patienten dazuzulegen. Der Fantasie und der Ethik sind hier keine Grenzen gesetzt.

So lange also ein Patient auf ein Bett kommt, kann man das getrost als Raunzen auf hohem Niveau betrachten. Wobei ich den wunderbaren Vorschlag des „24-Stunden-Testliegens für Entscheidungsträger in einem hübschen Gangbett“ durchaus begrüßen würde. Damit sie wissen, wie das so ist, wenn man coram publico seine Notdurft auf hohem Niveau in die Leibschüssel verrichten darf.

Dr. Ronny Tekal ist Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at

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