zur Navigation zum Inhalt
Dr. Ronny TekalMedizin-Kabarettist
 
Leben 28. November 2016

Soziale Blase

NebenWirkungen

Man bekommt nur das zu sehen, was man verdient.

Dieser Tage wird in intellektuellen Kreisen viel über die „soziale Blase“ diskutiert. Bevor die Urologen spitze Ohren bekommen: Der Begriff hat nichts mit dem Ausscheidungsorgan zu tun, womit sich auch die überaus dämliche Frage erübrigt, ob es sich bei einer Reizblase nicht eher um eine „asoziale Blase“ für den Patienten handelt. Es geht vielmehr um die vom Internetaktivisten Eli Pariser definierte „filter-bubble“ (Filterblase), in der wir uns im digitalen Zeitalter bewegen. Vereinfacht gesagt: Wir bekommen nur die Informationen zu Gesicht, von der Google oder Facebook glauben, dass sie uns auch zu Gesichte stehen.

Gerüchten zum Trotz erfolgt die Filterung jedoch nicht durch einen NSA-Mitarbeiter mit Trenchcoat und Hut, sondern über ein Computerprogramm, das über ausgeklügelte Algorithmen, nicht jedoch über einen Hut verfügt.

Alleine, wenn wir nur das Wort „Leber“ googeln, so bekommt jeder User andere Suchergebnisse: Während unsereiner von Hepatitis bis hin zur Zirrhose alles geliefert bekommt, wird ein Benutzer, der sich im Internet sonst eher auf den kulinarischen Seiten aufhält, vor allem ausgewählte Rezepte für geröstete Leber finden. Politisch Interessierte bekommen möglicherweise von Google den freundlichen Hinweis: „Meinten Sie etwa Labour-Party?“

Was bei der Leber noch keine großen gesellschaftspolitischen Auswirkungen hat, kann bei heißeren Themen durchaus von Relevanz sein: Ein Vorsorgemediziner, der „rauchen“ googelt, bekommt Informationen zur COPD, ein passionierter Raucher hingegen Informationen über die neue Marlboro extra strong; Tierliebhaber denken, dass im Netz mehr Katzen als Menschen posten, und intellektuelle Grünwähler, die einander auf Facebook Recht geben, wundern sich, wie es sich rechnerisch ausgehen kann, dass Donald Trump Präsident wird, wo ihn doch keiner wählt.

Wir bewegen uns in einer virtuellen Blase und blenden die restliche virtuelle Realität aus. Dies lässt sich leicht überprüfen, indem man sich im Internet selbst sucht („Google-Onanie“). Die Suchergebnisse werden darauf hindeuten, einer der berühmtesten Zeitgenossen zu sein. Wenn ich etwa „Tekal“ in die Maske eingebe, so kennt das Netz fast ausschließlich mich und nicht all die tausenden anderen Tekals oder gar einen Ort in Mittelamerika.

Im Prinzip ist das Internet also nichts anderes, als der gute alte Stammtisch, wo eben nur diejenigen eingeladen sind, die sich im Großen und Ganzen dieselbe Weltanschauung teilen. Also quasi eine analoge Filterblase, in der man sich glücklicherweise auch betrinken kann.

Auch Ärzte-, Pfleger- oder Patientenkreise überschneiden sich oft nicht. Deshalb können wir nur so schwer begreifen, wie ein Mensch mit manifestem Diabetes mellitus derart genüsslich in eine Erdbeerschnitte beißen kann. Das Undenkbare ist oft nur einen Steinwurf entfernt, außerhalb unserer Wahrnehmung. Nicht nur unser Auto braucht daher ab und an einen kleinen Filterwechsel.

Dr. Ronny Tekal ist Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben