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Dr. Ronny TekalMedizin-Kabarettist
 
Leben 22. November 2016

Computer über Leben und Tod

NebenWirkungen

Die rasante technische Entwicklung wirft einige ethische Fragestellungen auf.

Die Zukunft hat schon begonnen. Zumindest bei der Konzeption neuer selbstfahrender Automobile. Zu Recht schenkt man computerisierten Piloten mehr Vertrauen, als einfältigen menschlichen Lenkern, die während dem Fahren mit telefonieren, SMS schreiben, Navi programmieren oder die Zubereitung eines dreigängigen Menüs beschäftigt sind. So arbeiten gleich mehrere Konzerne an der Verwirklichung dieser Technologie.

Dies wirft jedoch bei näherer Betrachtung einige ethische Fragen auf. Denn steht einem solchen Auto plötzlich mal ein Baum im Weg, so gilt es bessere Alternativen zu finden, als in diesen Baum hineinzufahren. Dabei muss der Bordcomputer auf Algorithmen zurückgreifen, um entscheiden zu können, in was man stattdessen sonst hineinfahren könnte: Also etwa einen Baum mit weicherem Holz, eine Mauer oder einen rüstigen Pensionisten.

Aus Massachusetts stammt eine Studie über das „soziale Dilemma autonomer Fahrzeuge“. Dabei geht es um genau diese moralische Zwickmühle: Soll der Wagen im Notfall bewusst einen Passanten umfahren, da hier das Auto den geringsten Schaden nimmt oder stattdessen gegen eine Wand gelenkt werden und dabei die Insassen gefährden? Ja, es ließe sich sogar technisch vorab klären und mit einberechnen, ob es sich bei dem Passanten um ein Kind, einen Schäferhund, einen schwerkranken Mindestrentner oder einen Rechtsanwalt handelt. Diese Entscheidung, die bislang beim perplexen Fahrer gelegen ist – und nicht immer zum Besten getroffen wurde – wird nun zuvor am grünen Tisch wohl durchdacht und in die Software gefüttert. Begegnen sich also nun ein Auto und ein Passant, so liegt deren weiteres Schicksal in den Händen von ein paar Nerds aus dem Silicon Valley.

In der Medizin sind solche ethischen Dilemmas an der Tagesordnung. Man spricht davon, dass die Ethik dem medizinischen Fortschritt nicht mehr mithalten kann. Dazu muss man gar nicht die Embryonenforschung oder die Lebensverlängerung mit Maschinen ins Rennen führen. Ganz alltägliche moralische Entscheidungen müssen alltäglich in der Praxis getroffen werden: Nehme ich das Kleinkind früher dran, weil es nicht gewohnt ist, so lange zu warten und daher schon unruhig wird, oder den 112-jährigen COPD-Patienten, bei dem fraglich ist, ob er die Wartezeit überhaupt überlebt? Darf ich einem Patienten, dem man eindringlich von Süßwaren abgeraten hat, das „Zuckerl danach“ anbieten? Kann ich einem Menschen ernsthaft in der Entscheidung zu einer gefährlichen plastischen Nasenoperation bestärken, obwohl seine Ohren viel hässlicher sind?

Vielleicht wäre es einfacher, wenn man einen Computer hätte, der einem solche Entscheidungen abnimmt und den Karren gegen die Wand, statt in einen Passanten fährt. Dann wären wenigstens nicht wir bei einer Fehlentscheidung schuld, sondern der Nerd in Silicon Valley. Und der verkraftet das schon.

Dr. Ronny Tekal ist Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at

Dr. Ronny Tekal, Ärzte Woche 47/2016

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