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Leben 8. November 2016

„Es ist noch viel Aufklärungsarbeit notwendig.“

3 Fragen, 3 Antworten

Hörgeschädigte haben es in der heimischen Arbeitswelt oft nicht einfach. Angefangen von einem Unverständnis der Arbeitgeber, über zahnlose Gesetze bis hin zum Verschweigen der eigenen Behinderung – mit all seinen Folgen.

Wie sieht es mit der Erwerbstätigkeit von Menschen mit einer Hörschädigung hierzulande aus?

Tamegger: Es gibt keine Studien dazu. Fakt ist, dass schwerhörige Menschen, mit und ohne Hörsystemversorgung, normaler Erwerbstätigkeit nachgehen. Probleme im Kommunikationsbereich (Telefonieren, direkter Kundenkontakt, Großraumbüros usw.) können mit adäquater Zusatzhilfsmittelversorgung gelöst werden. Bei gehörlosen Menschen, die ausschließlich von Gebärdensprache abhängig sind, sieht das mit Sicherheit anders aus, dazu können wir aber nichts Näheres sagen, da der ÖSB eine Schwerhörigeninteressenvertretung ist.

Wissen Sie von ähnlichen Studien, wie die GINKO-Studie, in Österreich?

Tamegger: Es gibt leider aktuell keine Studien in diesem Bereich in Österreich. Wir versuchen im Rahmen unserer drei geförderten Beratungsstellen, die über fix angestellte Mitarbeiter verfügen, für Schwerhörige in Wien, Klagenfurt und Linz aus den Beratungszahlen laufend auch Ergebnisse und Bedürfnisse der Zielgruppe abzuleiten.

Fakt ist, dass schwerhörige Menschen sehr häufig ihre Behinderung zu verbergen versuchen und nicht offen damit umgehen. Damit entstehen unweigerlich Kommunikationsprobleme im Beruf und im Privatleben. Wir sehen es als unsere Aufgabe den Betroffenen eine Enttabuisierung sowie die Möglichkeiten von Hörtaktik und Hörtechnik näher zu bringen. Inklusion ist keine Einbahnstraße, die hörende Umwelt kann nur reagieren, wenn sie von den Betroffenen auch auf ihre Bedürfnisse aufmerksam gemacht werden.

Kommen die Gesetze bei den Betroffenen an beziehungsweise erfolgt die Umsetzung der Gesetzesinhalte?

Tamegger: Das Bundesbehindertengleichstellungsgesetz ist seit 1. Jänner 2016 in Österreich in Kraft. Es ist ein zahnloses Gesetz. Einer Klage vor Gericht geht ein Schlichtungsverfahren voraus, das über das Sozialministeriumsservice abgewickelt wird. Erzielt man bei der Schlichtung keine Einigung, steht dem Betroffenen der Gerichtsweg offen, wobei im Falle eines gewonnenen Prozesses ein „Schadenersatz“ an den betroffenen zur Auszahlung gelangt, jedoch die Barriere, wegen der man klagt, nicht beseitig werden muss.

Vielen Betrieben ist die barrierefreie Arbeitsplatzgestaltung noch fremd. Das Verständnis beginnt beim Rollstuhlfahrer und endet beim Blinden. Akustische Barrierefreiheit, wo Basics wie eine gedämpfte Raumakustik mittels beispielsweise Akustikdecken oder Gehörschutz schon helfen würden, da reden wir noch nicht von individuellen Kommunikationshilfen, ist den meisten nicht bewusst, Stichwort: Lärm in Großraumbüros, auf Baustellen usw.

Man muss aber sagen, dass ein aktives Nachdenken bei Arbeitgebern nunmehr mehr gegeben ist als noch vor etwa fünf bis zehn Jahren. Wir merken als Interessenvertretung, dass noch viel Aufklärungsarbeit notwendig ist – so paradox das auch klingt, bei Betroffenen und bei Betrieben betreffend Lösungsmöglichkeiten pro akustische Barrierefreiheit und Umgang mit Schwerhörigen.

Weitere Informationen:

Geförderte Beratungsstellen und

Zusatzhilfsmittelinfos:

www.schwerhoerigen-service.at

Bundesinteressenvertretung

Schwerhöriger – ÖSB:

www.oesb-dachverband.at

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