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Ergebnis der Studie: Die gesetzlich vorgesehenen Maßnahmen zur Gestaltung von behindertengerechten Arbeitsplätzen für Hörgeschädigte werden häufig unzureichend umgesetzt.
 
Leben 8. November 2016

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Gleichstellung. Die Datenlage über die Erwerbstätigkeit von Menschen mit einer Hörschädigung ist ausbaufähig. Mit der GINKO-Studie wurde die Gesetzeswirkung in Deutschland untersucht.

Die Schwerhörigkeit ist die häufigste sensorische Behinderung des Menschen. Im Zuge der demografischen Alterung der Bevölkerung werden die Prävalenzraten dieser Behinderung in Zukunft steigen. Dieses wird direkte Auswirkungen auf diverse Facetten der Rehabilitation von Schwerhörigkeit besitzen. Häufig stehen hierbei medizinisch-audiologische Aspekte im Fokus des Interesses mit dem Ziel, die Kommunikationsfähigkeit von Betroffenen zu verbessern. Darüber hinausgehende sozioökonomische Aspekte wie die Teilhabe am Erwerbsleben wurden bislang nur unzureichend beachtet.

Die Teilhabe an einer sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit von Menschen mit Beeinträchtigungen hängt entscheidend von den rechtlichen Rahmenbedingungen ab. Durch diverse Gesetze und der UN-Behindertenrechtskonvention sind in Deutschland Rahmenbedingungen dafür geschaffen worden, dass Menschen mit Behinderungen ihre Rechte voll- und gleichberechtigt wahrnehmen können.

GINKO-Studie überprüft die Situation

Belastbare Daten zur Situation schwerbehinderter Menschen mit Hörschädigung in Bezug auf den Grad der Hörschädigung und die Teilhabe an der Erwerbssituation existieren nicht. Dieses wäre jedoch ein erster Schritt für eine gezielte und aufeinander abgestimmte Förderung der beruflichen Inklusion von Betroffenen durch die beteiligten Ministerien, Institutionen und Verbände.

Diesen Aspekt greifen Weber und Weber in ihrem Artikel „Erwerbstätigkeit mit Hörschädigung in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Regionale Ergebnisse aus der GINKO-Studie“ auf ( Weber A. und Weber U., HNO 10/2016, doi 10.1007/s00106-016-0174-2 ). Hierbei steht die Abkürzung GINKO für „Gesetzeswirkungen bei der beruflichen Integration schwerhöriger, ertaubter und gehörloser Menschen durch Kommunikation und Organisation“. Dieses Projekt geht folgenden Fragen nach:

- „Kommen die Gesetze bei den Betroffenen an?“

- „Erfolgt die Umsetzung der Gesetzesinhalte?“

Zur Beantwortung dieser Fragen wurden hörgeschädigte Arbeitnehmer zu den Gesetzesinhalten und deren Umsetzung sowie individuellen Situation am Arbeitsplatz befragt. Nur 3.000 berufstätige Schwerbehinderte mit einer Hörschädigung konnten als Teilnehmer für diese Studie deutschlandweit gewonnen werden. Die sich hieraus abzuleitenden Limitationen der gesamten Studie werden durch die Fokussierung auf Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen noch verstärkt.

Weshalb sich die Autoren für die isolierte Darstellung dieser drei Bundesländer entschieden haben, welche die Deutsche Rentenversicherung unter dem Namen „Mitteldeutschland“ führt, erschließt sich dem Referenten nicht vollständig. Jedoch kann durch die Analyse verschiedener Subgruppen die Qualität der Tätigkeit von regional organisierten Rentenversicherungen, Integrationsämtern, Verbänden der Betroffenen, Selbsthilfegruppen oder HNO-Berufsverbänden dargestellt werden.

Die Chancen für eine erfolgreiche sozialversicherungspflichtige Berufstätigkeit von hörgeschädigten Schwerbehinderten erhöhen sich unter bestimmten Voraussetzungen. Neben der Möglichkeit, die Fähigkeiten der Betroffenen voll einzusetzen, spielen hörgeschädigtengerechte Arbeitsplätze sowie das Vorhandensein von technischen Hilfsmitteln eine Schlüsselrolle.

Entscheidend für eine erfolgreiche Umsetzung der Gesetze ist die Information über die rechtliche Situation durch die Integrationsämter sowie die genaue Gesetzeskenntnis der Betroffenen. Die Ergebnisse der GINKO-Studie zeigen, dass die durch die deutschen Gesetze vorgesehenen Maßnahmen zur Gestaltung von behindertengerechten Arbeitsplätzen häufig unzureichend umgesetzt werden. Bei erfolgter Umsetzung der Maßnahmen lassen sich jedoch positive Aspekte auf die Teilhabe am Arbeitsleben nachweisen. Ein Grund für die unbefriedigende Umsetzung der rechtlichen Möglichkeiten können unzureichend informierte Betroffene sein.

Dieses Ergebnis der GINKO-Studie sollte genutzt werden. Hierbei können für einen optimierten Informationsfluss zu den Betroffenen nicht nur die Integrationsämter, Verbände und Selbsthilfegruppen verantwortlich gemacht werden. Auch behandelnde Ärzte und an der medizinischen Versorgung beteiligte Berufsgruppen (z. B. Hörgeräteakustiker) können wirksam zu einer erfolgreicheren beruflichen Inklusion Schwerbehinderter mit Hörschädigung beitragen.

Prof. Dr. Dirk Beutner ist an der Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Kopf- und Halschirurgie, Universitätsklinik Köln tätig.

Der Originalartikel „Erwerbstätigkeit mit Hörschädigung – erfolgreiche berufliche Inklusion?“ ist erschienen in „HNO“ 10/2016, doi 10.1007/s00106-016-0231-x, © Springer Verlag


Dirk Beutner

, Ärzte Woche 45/2016

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