zur Navigation zum Inhalt
Dr. Ronny TekalMedizin-Kabarettist
 
Leben 21. Oktober 2016

Patient als Beruf?

Mit dem „Gesundheits- Hunderter“ sollen Patienten motiviert werden.

Wir sind hierzulande ziemlich verwöhnt. Muss man in fernen Ländern eine Tagesreise auf sich nehmen, um einen Arzt aufsuchen zu können, oder seinen Monatslohn für eine Injektion gegen Rückenschmerzen abliefern, so muss man Patienten in Österreich zu ihrer Gesundheit fast schon zwingen. Natürlich nicht, wenn man akut erkrankt ist, höllische Schmerzen hat oder, wie man salopp sagt, die Kacke am Dampfen ist, selbst wenn ich in meiner langjährigen medizinischen Laufbahn noch nie einen Stuhl gesehen habe, der bei Zimmertemperatur raucht. Nein, dann geht man freiwillig in die Praxis bzw., wenn diese geschlossen hat oder zu viele Menschen im Wartezimmer sitzen oder es direkt davor nicht genügend Parkplätze gibt, auch gleich in die Spezialambulanz. Hier muss man auch eine Wartezeit in Kauf nehmen und fast schon um Einlass bitten. Selbst das dringende Bedürfnis nach rascher Schmerzlinderung bei einem Hexenschuss („wir hätten in 2 Wochen einen Termin“), einem tränenden Auge („wir hätten in 2 Wochen einen Termin – Verzeihung, wir sprechen hier von 2018 oder?“) oder das dringende Bedürfnis, vor Urlaubsantritt Freitagabend rasch noch seine Medikamentenvorräte aufzufrischen, wird als aufschiebungswürdig betrachtet. Abgesehen von Herzinfarkten oder abgetrennten Gliedmaßen scheint man es in der Medizin nur selten richtig eilig zu haben.

Ganz anders, wenn man sich als gesundheitlicher Servicedienstleister versteht, also Früherkennung, Vorsorge und das ganze Zeug. Dann hat es plötzlich der Patient nicht mehr so eilig. Und je mehr die Mediziner darauf drängen, sich im ureigensten Interesse, durchchecken zu lassen, desto uneiliger hat es der Patient. Mit Aufklärungskampagnen, Belehrungen und Drohungen wird auf die Wichtigkeit medizinischer Diagnostik hingewiesen. Mit mäßigem Erfolg. Daher geht man nun einen Schritt weiter und versucht, mit einem Belohnungssystem die Schäfchen zur Vernunft zu bringen: Das „Zuckerl danach“, das früher von den Kinderärzten als Anreiz überreicht wurde, hat dabei zunehmend ausgedient. Zum einen wird es als falsches Signal verstanden, eine Untersuchung als etwas Unangenehmes durch eine ungesunde Süßigkeit als Belohnung zu kompensieren. Zum anderen lassen sich Erwachsene nicht mit einem billigen Bonbon abspeisen. 100,– Euro lässt eine heimische Krankenkasse mittlerweile springen, wenn man sich vorsorglich untersuchen lässt. Zweckgebunden allerdings für Dinge, die im weitesten Sinn mit Sport zu tun haben, also Skikurse, Laufschuhe, Fitnessstunden oder eine Kiste Bier, die beim Fußballschauen konsumiert wird.

Doch verkauft man da nicht das heimische Gesundheitssystem unter seinem Wert? Muss man einem Menschen, der sich zu einer Ultraschalluntersuchung herablässt, einen Gutschein für ein Candle-Light-Dinner aushändigen? Pragmatisch gesehen, scheint letztlich die Rechnung trotz Hunderter aufzugehen. Und vielleicht überlegt sich der eine oder andere ja mal, als Berufspatient auf diese Weise seine Brötchen zu verdienen.

Dr. Ronny Tekal ist Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben