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Anatomisches Modellieren am KHM Wien: Das Kursprogramm wurde 2009 von Dr. Wolfgang Metka ins Leben gerufen.
© (2) Kerstin Huber- Eibl

Die Medizinstudentin Theresia Steinkellner hat durch eine Kooperation mit dem Alumni-Klub der MedUni Wien ein Stipendium für den Kurs Surgery Art /Anatomisches Modellieren am KHM bekommen. Als eine der wenigen Kursteilnehmerinnen ist sie selbst nicht in der Schönheitsmedizin tätig.

 
Leben 21. Oktober 2016

Ärzte im Atelier

Sie skizzieren, modellieren und philosophieren über Schönheit. Im Kunsthistorischen Museum lernen sie in beim Surgery Art-Workshop, ihrem Tastsinn zu vertrauen.

„Ich bin süchtig nach Ton.“ Der Berliner Schönheitsmediziner Gregor Wahl reist nach Wien und schon ist es um ihn geschehen: Das Modellierfieber hat ihn gepackt. Wahl steht mit sechs anderen Medizinern in einem kleinen Saal im Kunsthistorischen Museum, eine Art Gesichts-Manufaktur. Hier werden Augenbrauen konturiert, Nasen und Ohren ausgeformt. Titel des Kurses: „Surgery Art Workshop“. Kursort: Das Kunsthistorisches Museum Wien. „Ich habe hier die Möglichkeit, mit beiden Händen gleichzeitig Schönheit zu kreieren“, sagt der Dermatologe. Die Arbeit am Tonkopf ermögliche, fehlendes Volumen und Unebenheiten zu differenzieren und Dinge zu spüren, die dem Auge verborgen bleiben. „Aus diesem Grund möchte ich das Hantieren mit Ton unbedingt fortsetzen und in meinen Alltag integrieren.“

Herr Dr. Wahl ist rhetorisch fit, sieht blendend aus und entspricht zu 100 Prozent dem Bild, dass man landläufig von Beauty Docs hat. „Leider wurde unsere Branche durch Medienberichte in Verruf gebracht. Die Leute, die zu uns kommen, die wollen das auch, die wollen ihre Schönheit nicht verlieren.“

Schönes Ambiente

Vom Kreuzgewölbe des heimeligen Ateliers baumelt ein bunter Drache, in den Holzstellagen stapelt sich Arbeitsmaterial. Kursleiterin Susanne Metka hat Snacks und selbst gebackene Kekse auf einem Podest drapiert und kredenzt Säfte, Wasser und Kaffee. Sie bleiben meist unberührt. Nasen, Ohren und Wangen entstehen unter der Anleitung von Profi-Bildhauerin Ilona Neuffer-Hoffmann, manchmal arbeiten die Kursteilnehmer sogar mit geschlossenen Augen. Konzentrierte Stille, der Ton macht die Musik in dem kleinen Saal.

Da gibt es zum Beispiel die Frau Dr. Lara Stanic. Die Spezialistin für Kopf- und Halschirurgie arbeitet am Landeskrankenhaus Cakovec in Kroatien. „Ich habe bereits drei Mal teilgenommen, da ich es liebe, künstlerisch tätig zu sein, weil es Spaß macht und die Gruppen großartig sind. Hier können wir mit der Nase experimentieren und herausfinden, welche Auswirkungen die Ohren auf das Gesicht haben. Wir arbeiten auch mit den tiefen Gesichtsmuskeln, die wir in der Praxis nicht täglich sehen.“

Ihr gegenüber werkt der Brasilianer Julio Wilson Fernandes, MD. Der Assistenzprofessor für plastische Chirurgie ist an der privaten Universidade Positivo in Curitiba, der Hauptstadt des Bundesstaates Paraná. Er meint: „Plastische Chirurgen tauchen vollkommen in die zwei- und dreidimensionale Welt von Formen und Volumen ein. Der Kurs erweitert die Wahrnehmung von der Harmonie und Schönheit sowie von der Konkavität und Konvexität des Gesichts, aber auch auf von Lichtreflexen an der Nasenspitze. Die Kunst hat im Lauf der Jahrhunderte einen großen Beitrag zur heutigen plastischen Chirurgie geleistet.“

Schöne Kreative

Immer wieder kommen die Teilnehmer des anatomischen Modellierkurses auf die Form der Nase zu sprechen, diese ist für die Gesamtwirkung des Gesichts offenkundig von zentraler Bedeutung. An ihrer Nase muss man definitiv nichts ändern: Medizinstudentin Theresia Steinkellner ist was man eine Naturschönheit nennt, sie strahlt ohne Schminke Jugendlichkeit aus und verdankt ihr Aussehen keinem Operateur. Durch eine Kooperation mit dem Alumni-Klub der MedUni Wien hat sie ein Stipendium für der Skulptur-Weiterbildung bekommen. „Ich weiß jetzt ganz genau, wie die einzelnen Bestandteile des Kopfes zusammenspielen und was den Unterschied zwischen einem weiblichen und einem männlichen Gesicht ausmacht“, sagt Steinkellner. Die Folge der falschen Proportionen: Es gibt etliche Beispiele für Frauen, die nach einer Nasenkorrektur mit einer männlichen Nase herumlaufen.

Die Mittagspause im Museumscafé dauert eine Stunde, tatsächlich schlingen die Teilnehmer ihr Essen in kaum 20 Minuten hinunter, um nur ja schnell ins Atelier zurückkehren zu können. Zum Beispiel Dr. Halvor Baevre, Kinderarzt aus Norwegen. Er möchte er die wenigen Stunden bis zum anschließenden gemeinsamen Besuch der pathologisch-anatomischen Präparatensammlung im „Narrenturm“ nutzen und an seinem Tonkopf weiterarbeiten.

Auch die anderen Teilnehmer begnügen sich mit einer Gulaschsuppe oder einem Paar Sacherwürste, um die Hände gleich wieder in das weiche Arbeitsmaterial tauchen zu können. „Hier kann ich mich ausprobieren und etwas kaputt machen“, sagt eine Modelliererin.

Schöne Erinnerungen

Vielleicht sieht man einander beim Fortgeschrittenenkurs wieder? Klingt verlockend: In diesem Seminar „Anatomic Modelling for Surgeons: Head/Face“ werden – ausgehend von einem Schädelmodell – Muskeln, Sehnen, Faszien, Fettgewebe und Haut aufmodelliert.

Doch schon jetzt sind sich Teilnehmer einig, dass sie sich künftig nicht mehr ihrem Sehsinn allein vertrauen werden, sondern mehr „den Händen.“

Anatomisches Modellieren für Chirurgen, Kopf/Gesicht: 25. bis 27. April 2017

KHM Wien, Teilnahmegebühr: EUR 690,00, T.: 0664 424 00 00, www.surgery-art.com

Info

Kerstin Huber-Eibl

, Ärzte Woche 43/2016

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