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Dr. Ronny TekalMedizin-Kabarettist
 
Leben 7. Oktober 2016

Nobelpreis fürs Nägelkauen?

NebenWirkungen

Dass der Preis für die Entdeckung der Autophagie verliehen wurde, wirft einige Fragen auf.

Journalisten aus aller Welt treffen dieser Tage im Internet aufeinander, um das Wort „Autophagie“ zu googeln. Manche suchen gleich die einschlägigen Seiten zum Motorsport auf, um enttäuscht festzustellen, dass der Begriff trotz Auto nichts mit Kraftfahrzeugen zu tun hat. Andere wissen indes, dass sie auf den Medizinwebsites fündig werden oder posten eine Anfrage in einem Forum für Autophagie-Betroffene.

Man kann sich natürlich auch vergoogeln. In der Psychiatrie bedeutet der Begriff das „krankhafte Verlangen, seinen eigenen Körper anzunagen“. Das freudig erregte Glitzern in den Augen des Reporters beim Gedanken an die Headline „Nobelpreis fürs Nägelkauen!“ kann jedoch auch den Anfang vom Ende seiner journalistischen Karriere bedeuten. Den medizinischen Fachbegriff an dieser Stelle zu erklären, würde nicht nur bedeuten, Schuldscheine nach Athen zu tragen, sondern wäre auch eine Beleidigung für die Leserschaft. Natürlich wissen wir, was bei der intrazellulären Autophagie passiert, das haben wir sozusagen mit der physiologischen Muttermilch aufgesogen. Aber sicherheitshalber kann man ja mal auf Wikipedia nachschauen, was der japanische Forscher Yoshinori Ohsumi denn so Besonderes getan hat, was man hierzulande nicht auch besser hinbekommen hätte. Schließlich lauten die drei W-Fragen, die sich die wissenschaftliche Community bei der Bekanntgabe der Nobelpreisträger alljährlich stellt: „Wer“, „Warum?“ und „Warum nicht ich?“

Aus welchem Grund gerade in diesem Jahr gerade dieser Nobelpreis an gerade diesen Japaner ging, lässt sich nicht genau sagen. Der Vergabemodus des Schwedischen Karolinska-Institutes ist mitunter ebenso undurchsichtig, wie das Konklave im Vatikan. Zudem gab es vor einiger Zeit bekanntlich einen Skandal an der traditionsreichen medizinischen Universität in Stockholm und wenn Alfred Nobel das geahnt hätte, wäre er wahrscheinlich auch davon abgekommen, das Dynamit zu erfinden: Ein am Institut tätiger italienischer Chirurg dürfte für seine Forschungsarbeit an künstlichen Luftröhren einige Patienten ins Jenseits befördert haben. Dieser Eklat führte zu einer Reihe von Rücktritten im Nobelkomitee. Vielleicht haben einige Kommissionsmitglieder die Arbeit über die „Autophagie“, also die Selbstverdauung, deshalb so passend gefunden. Über 20 Jahre dauerte es übrigens, bis Herr Ohsumi für seine 1993 publizierte Arbeit ausgezeichnet wurde. Ein Wimpernschlag im Vergleich zur Dauer von kirchlichen Heiligsprechungen oder Amtswegen, die sich oft über Jahrhunderte hinweg ziehen.

Trotz aller Kritik hat der Nobelpreis nichts von seinem Charisma eingebüßt, er ist der einzig wirklich bekannte wissenschaftliche Award, vergleichbar mit dem Oscar oder dem Sexiest Man Alive. Ob nun die Beschreibung der Autophagie-Prozesse in der Zelle für die Menschheit wertvoller ist, als ein schöner Sixpack, darüber lässt sich hingegen streiten.

Dr. Ronny Tekal ist Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at

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