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© Andreas Gebert / dpa
Party bis der Arzt kommt – nicht wenige Besucher des Oktoberfestes in München benötigen nach starkem Alkoholkonsum ärztliche Betreuung vor Ort.
 
Leben 7. Oktober 2016

Ärzte der Wies’n-Klinik

Oktoberfest. Während Millionen Besucher das 183. Oktoberfest in München feiern, sichert das Rote Kreuz hinter den Kulissen die medizinische Versorgung. In seiner Notfallambulanz sind bis zu elf Notärzte und 130 Sanitäter im Einsatz.

ÄZ/PKDie Wiesn-Feste erfreuen sich großer Beliebtheit – sei es nun im Wiener Prater oder auf der Theresienwiese in München. Da so große Events nicht ohne den einen oder anderen „Ausfall“ von der Bühne gehen, ist vor Ort ein medizinisches Personal erforderlich. Nehmen wir München als traditionsreiches Beispiel für ein Oktoberfest (17. September bis 3. Oktober). Da marschieren sie, vom Regen unbeirrt: Münchner, Bayern, „Preißn“, Besucher aus aller Welt, viele in Trachten, reihen sich an den Eingängen zur erstmals vollständig umzäunten Theresienwiese.

Nach den Ereignissen im Juli traute sich der ein oder andere Trachtenverein dieses Jahr nicht her, manchem Gast geht es ähnlich. Schüsse oder gar eine Bombenexplosion wie das Attentat 1980 – in solch einem Fall hätte die BRK-Notfallambulanz hinter dem Schottenhamel-Zelt an der Westseite des Geländes allen Grund, ihr Maßnahmenrepertoire für Großschadensfälle abzurufen. Sehr viel wahrscheinlicher ist aber, dass sich die Ärzte und Sanitäter dort mit ähnlichen Blessuren befassen werden wie schon seit 130 Jahren. Also vor allem mit kleineren Schnitt- oder Platzwunden, kollabierenden Kreisläufen und Alkoholvergiftungen.

Die enorme Zeitspanne unterstreicht, dass das Rote Kreuz zum Oktoberfest gehört wie Dirndl und Lederhosen. „Es gibt keinen Dienst, keine Tätigkeit, die für den BRK-Kreisverband München eine so hohe Identifikation mit sich bringt wie das Oktoberfest“, erklärt dazu Dr. Ulrich Hölzenbein, seit 2013 Chefarzt der Ambulanz.

Der Internist und Kardiologe sitzt an diesem Vormittag am Schreibtisch im Chefarztbüro, vor sich zwei Computerbildschirme, darüber den Dienstplan. Ursprünglich aus Duisburg, lebt er seit 25 Jahren in München und ist seit 1994 beim BRK, anfangs noch als Sanitäter am Hauptbahnhof, später als Arzt.

Sprechstunde für Kellnerinnen

Im Nebenraum koordiniert die Einsatzleitung die eingehenden Notrufe, im Moment ist es dort noch ruhig. Leerlauf herrscht aber nicht, denn: „Vormittags ist hier so eine Art Sprechstunde“, so Hölzenbein. Kellnerinnen mit Sehnenscheidenentzündung, Schausteller mit Erkältung, Polizisten und Security-Personal, auch sie konsultieren bei Bedarf das BRK-Team.

„Da sind hier natürlich die Internisten besonders gefragt.“ Auch sonst schickt Hölzenbein die Fachärzte aus dem 70 Kollegen umfassenden Notarzt-Pool dorthin, wo die Patienten am meisten davon haben – etwa Chirurgen zum Wunden nähen oder Anästhesisten, um die Vitalfunktionen zu überwachen.

Vom Feiern Lädierte landen ab mittags an. Zahl und Verletzungsschwere steigen mit dem Fortschreiten von Zeit und Alkoholkonsum. Gerade am Wochenende wird es erfahrungsgemäß meist turbulent.

Um dann noch den Überblick zu behalten, informiert seit 2015 über dem Zentralbereich der 750 Quadratmeter-Ambulanz ein großer Bildschirm über die Belegung der Plätze in den Behandlungseinheiten.

30 Sekunden für diagnostische Einschätzung

Der Chefarzt zeigt ihn als Auftakt zu einem Ambulanz-Rundgang, den auch BRK-Pressesprecher Michael Greiner begleitet. Im Moment leuchten die Rechtecke auf dem Schirm grün, nicht belegt. Hölzenbein zeigt die Stelle im Zentralbereich, wo in den nächsten Stunden eine „Sichtung“ eingerichtet werden soll. Dort sitzt dann ein Arzt, der darauf spezialisiert ist, für jeden Ankommenden innerhalb von 30 Sekunden eine diagnostische Einschätzung zu geben.

Dann geht es dem Bedarf entsprechend weiter. Meist führt der Weg nach rechts, in den Bereich, wo sich die Helfer kleineren Blessuren zuwenden. Viele von ihnen sind dort schon in angeregte Gespräche vertieft. Insgesamt ist am Freitag, dem 30. September, die Maximalbesetzung von 130 Sanitätern verfügbar, dazu elf Notärzte; das Kontrastprogramm am Montagvormittag (3. Oktober): vier Notärzte.

Alle Behandlungskabinen im Raum sind gleich ausgerüstet, bis hin zur Sortierung von Spritzen und Kanülen in den Schränken. So findet sich jeder Helfer, einmal eingewiesen, leicht zurecht. Gleich dahinter ist ein steriler OP-Bereich.

„Die Haut, die zerschnitten ist, im Bereich von Hand oder Fuß, oder die Kopfplatzwunde, die beim Anstoßen entsteht, nähen wir hier zu“, sagt Hölzenbein. Um Gefäße, Sehnen oder Bänder kümmern sich aber die Kliniken. Auf dem Weg hinaus wechselt der Chefarzt einige Worte mit dem Wachhabenden, der die Helfer koordiniert. Alles ruhig, wie er bestätigt.

700 Alkoholleichen

Nebenan: schwere, dunkle Fliesen. Ein säureresistenter Boden. Hier landen alle, die dem Bier – sieben Millionen Maß werden beim Oktoberfest konsumiert – im Exzess zugesprochen haben. Das sind zehn Prozent der Behandelten, also etwa 700.

Damit sie sich nicht verletzen, sind die Liegen nur 40 Zentimeter hoch und haben Seitenstützen. Vitalwerte-Monitor, Infusionen, zudem bei jeder Pritsche eine Heizung, mit Decke. „Die Wärmedecke schließen wir hier an den Heizkörper an, damit wird der Patient dann von oben auf Körpertemperatur gewärmt“, erläutert Nikolas Häckel vom DRK Kiel.

Ein Angebot zur Stabilisierung, ergänzt Hölzenbein, zum Ausnüchtern reicht die Zeit nicht. Alle Patienten sollen nach zwei Stunden versorgt sein, dass sie entweder nach Hause oder ins Krankenhaus transportiert werden können.

Jeder länger belegte Platz leuchtet auf dem Zentralmonitor rot. Mancher könnte dort womöglich öfter ein rotes Rechteck verursachen. Es gibt jedenfalls, wie der Chefarzt erzählt, gerade in der Überwachung den ein oder anderen „Stammgast“.

Gegenüber, im Ruheraum, wo sich Patienten mit Blutdruck- oder Zuckerkrise stabilisieren können, üben zwei junge Sanitäter den Umgang mit dem Vitalwerte-Monitor. Etwa 7.000, in Spitzenzeiten bis zu 10.000 Patienten werden hier in zweieinhalb Wochen versorgt. Bei 2.000 Einsätze wird der „Radwagen“ benötigt, das sind fahrbare Liegen mit blick- und regensicherer, gelber Abdeckplane. Die vierköpfigen Radwagen-Teams, besetzt analog einem Rettungswagen, rücken aus, wenn es Patienten nicht selbst zur Ambulanz schaffen.

Nur in etwa jedem fünften Fall springt auch noch ein Notarzt ins Auto, um aufs Gelände zu fahren. In ihren Einsatzpausen haben die Helfer aber schon mal Zeit für ein Kartenspiel bei Kaffee im Bereitschaftsraum im Untergeschoss.

Sanitäter aus ganz Deutschland und einige Kollegen aus Österreich beteiligen sich an den über 2.000 Schichten. Ein Großteil der Patienten sucht die Ambulanz oder die zwei kleineren BRK-Container auf dem Fest selbst auf. Daher sind die Standorte weithin sichtbar durch weiße Luftballons mit roten Kreuzen markiert. Neben der Hauptambulanz gibt es weitere, wichtige Anlaufstellen, darunter die Polizei und eine Notfall-Beratung für Frauen.

Früher war es schlimmer

Aggression, Schlägereien, gebrochene Nasen, das komme schon vor, so Hölzenbein. Aber im Vergleich zu früher sei die Wies’n ein ruhiger Ort. Der Meinung ist auch Pressesprecher Greiner. „Wenn man bedenkt, vor Jahrzehnten haben schon auch mal Leute mit den schweren Tonkrügen aufeinander eingeschlagen und dann hat sich gleich das halbe Zelt geprügelt“, stellt er fest. „So etwas gibt es heute nicht mehr.“ Sogar der einst berüchtigte „Maurer-Montag“ ist heute ein ruhiger Tag. Wie Hölzenbein ergänzt, zeigen neben dem verstärkten Sicherheitspersonal auch bauliche Verbesserungen in den Zelten Wirkung.

Insgesamt aber würden durch die Ambulanz pro Fest dennoch etwa 2.500 externe Notarzteinsätze und Krankenhausbehandlungen vermieden. Die wären sonst kaum zu stemmen, so der Chefarzt. „Wenn wir an einem heutigen Samstag mal eben 200 Leute in die Krankenhäuser einweisen würden, würde es echt knapp.“ Wobei es aussieht, als sollten es zumindest am 1. Oktober nicht ganz so viele werden. „Ich denke, das wird eine ruhige Wies’n“, meint auch Karl-Heinz Demenat vom Vorstand des BRK München, der gerade vorbei schaut. Angst sei derzeit natürlich für viele ein Thema, stellt er fest. Er selbst habe aber in Bezug auf Wies’n-Besuche keine Sorge.

Etwa 100 lebensbedrohliche Fälle

In Lebensgefahr waren in den letzten Jahrzehnten die wenigsten Ambulanz-Patienten. „Es gibt pro Fest etwa 100 Fälle, die akut lebensbedrohlich sind“, berichtet Dr. Jens Duersel-Mierswa, vom DRK Rheinhessen im Akutraum, der genauso wie ein Notarztwagen besetzt ist.

Die landen dann bei ihm und seiner Kollegin vom BRK München. Seit seinen ersten Wies’n-Einsätzen 1998 half Duersel-Mierswa schon bei Lungenkollaps und Mittelmeerfieber. Meist aber führt den Patienten ein Asthma-Anfall, Herzinfarkt oder Schlaganfall in den Akutraum, wo er bis zur Fahrt ins Krankenhaus stabilisiert wird.

Nach dem ersten Festwochenende sieht die Bilanz am Montag, dem 19. September, so aus: 670 Patienten (2015: 932), davon 353 ärztliche Versorgungen in der Ambulanz (2015: 416), 202 Radwagen-Einsätze (2015: 337) und 58 Alkoholvergiftungen (2015: 85). 100 Patienten wurden zur Weiterbehandlung ins Krankenhaus gebracht. Ein vergleichsweise ruhiges Fest also. Am 4. Oktober ist es dann zu Ende. Im Anschluss sind vor allem die Hausärzte gefragt, wenn die obligatorische Erkältungswelle um sich greift, der berüchtigte „Wies’n-Katarrh“.


Christina Bauer

, Ärzte Woche 41/2016

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