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Stammesführer und Medizinmann waren oft ein und dieselbe Person. Ein bekannter Vertreter war Geronimo (1829 – 1909), Häuptling und Chefschamane der Chiricahua-Apachen
 
Leben 30. September 2016

Indianer kennen keinen Wundbrand

Heilkundliches Wissen war bei den Ureinwohnern Nordamerikas Teil des alltäglichen Lebens. Dennoch wurde die Bedeutung der Indianermedizin bis in das 20. Jahrhundert nicht entsprechend gewürdigt. Wenig bekannt ist auch, welche vergleichsweise hohen Standards Indianermedizin schon im 18. und 19. Jahrhundert hatte.

Indianische Medizin wurde trotz ihrer langen Tradition oft missverstanden und als Scharlatanerie abgetan. Die Mehrzahl der Stämme verfügte zudem über keine eigene Schriftkultur, sodass heilkundliche Erfahrungen ausschließlich mündlich überliefert wurden. Viele zweifelten allerdings, dass derart umfassendes Wissen über mündliche Überlieferungen vermittelt und weitergegeben werden konnte. Und außerdem: Wie sollten „heidnische Wilde“, als welche die indianischen Stämme nicht nur von christlichen Missionaren angesehen wurden, darüber verfügen? Unverständnis und Ignoranz führten wie so oft zu Fehlurteilen und einer falschen Einschätzung.

Das gängige Bild des Medizinmannes bedarf ohnehin einer Korrektur, denn Schamane und Heiler waren nicht zwangsläufig ein und dieselbe Person. Zwar konnte die europäische Medizin in Nordamerika mit der bereits während des 17. Jahrhunderts eingeführten Pockenschutzimpfung große Erfolge verbuchen. Statt jedoch die Vorzüge der Indianermedizin eingehend zu studieren, gaben Schulmediziner weiter „Miasmen“ welche die europäische Medizingeschichte seit dem Mittelalter begleiteten, die Schuld an einer Vielzahl von Krankheiten. Cholera, Diphterie, Malaria, Masern und Scharlach waren bis dahin in Nordamerika unbekannt und kamen erst mit den neuen Siedlern ins Land. Sie forderten gerade unter der indianischen Bevölkerung große Opfer. Manche dieser Seuchen hatten als Mittel der Kolonialisierung speziell während der Indianerkriege im 19. Jahrhundert auch ihren unrühmlichen Anteil an der gewollten Ausrottung und Dezimierung der nordamerikanischen Ureinwohner.

Grundlagen der Indianermedizin

Die medizinischen Kenntnisse der Indianervölker konnten sich über einen langen Zeitraum und zudem unbeeinflusst entwickeln und vertiefen. Nichteingeweihten blieb vieles unverständlich, da die Riten der Schamanen geheim gehalten wurden, und das medizinische Wissen der Heiler war nicht allgemein zugänglich. Hygiene und Quarantäne waren, ebenso wie eine durchdachte Diäthik, in der indianischen Heilkunde fest verankert. Auch antiseptische Methoden der Heilung wurden erfolgreich praktiziert, das galt ebenso für die Geburtenkontrolle. Bemerkenswert niedrig waren daher das Kindbettfieber und die Kindersterblichkeit. Da die meisten Stämme nomadisch oder halbnomadisch lebten, war es wichtig, für die Gesundheit aller Stammesmitglieder Sorge zu tragen und entsprechende Vorkehrungen zu treffen. So hatte der Aufenthalt in der Schwitzhütte neben der rituellen Reinigung auch gesundheitliche Aspekte. Die Erkrankung durch Skorbut, wie sie bei Siedlern und Goldgräbern durch eklatanten Vitamin-C-Mangel auftrat, war bei den amerikanischen Ureinwohnern unbekannt. Elsbeeren oder Feigenkakteen aber auch ein Sud aus den Nadeln der Hemlocktanne lieferten das notwendige Vitamin C und waren deshalb wirksame Mittel gegen die gefährliche Mangelkrankheit. Um den Vitaminmangel auszugleichen, wurde Siedlern geraten, möglichst Trockenfrüchte und eingelegtes Gemüse auf den beschwerlichen Treck mitzunehmen. Trapper und Mountain Men wiesen immer wieder darauf hin, dass mit indianischem Heilwissen beachtliche Heilerfolge erzielt werden konnten. Zu den Wundermitteln der Einheimischen, die bald von den Schulmediziner übernommen wurde, gehörte die Chinarinde, die alsbald für ihre fiebersenkende und schmerzlindernde Wirkung berühmt wurde.

Cowboys setzten auf Rosskuren

Die Gesundheitsvorsorge hatte in den von den Siedlern kolonialisierten Gebieten einen geringen Stellenwert. Das lockte Quacksalber und Wunderheiler an, die mit dem Tross gegen Westen zogen und ihre zumeist wirkungslosen Tinkturen und Salben an all jene verkauften, die in ihrer Not darauf angewiesen waren. Der medizinische Pioniergeist ersann eine Reihe von wahrhaftigen Rosskuren: Aderlass und Klistieren gehörten in das weitverbreitete Repertoire der im besten Falle nutzlosen, oft sogar lebensgefährlichen Prozeduren. So war etwa das Verabreichen von Brechmitteln äußerst beliebt. Das alltägliche Leben war für die Siedler wie auch für die Einwohner der rasch wachsenden Städte durch die mangelnden hygienischen Maßnahmen mit einer Vielzahl gesundheitlicher Gefährdungen verbunden. Zudem waren Unfälle ein ernst zu nehmendes Risiko. Eine Sepsis führte – wenn nicht gar zum Tod – so doch in den meisten Fällen zur Amputation der betroffenen Gliedmaßen. Im Gegensatz dazu kam es bei der Behandlung durch indianischen Heiler, wie durch schriftliche Zeugnisse von Trappern und Mountain Men sowie von Militärangehörigen belegt, durch die einheimische Art der Wundbehandlung nicht zu einer Blutvergiftung, Wundbrand oder Wundstarrkrampf. Selbst schwere Verbrennungen konnten von indianischen Heilern nachweislich so gut therapiert werden, dass gesundheitliche Spätfolgen ausblieben. Komplizierte Frakturen, erzählen die Abhandlungen von Zeitzeugen, konnten so eingerichtet werden, dass der betroffene Körperteil ohne weitere Beeinträchtigung heilte. All diese Methoden wurden trotz zweifelsfreier Belege von der damaligen Schulmedizin als unwissenschaftlich abgetan. Das indianisch-medizinische Wissen blieb daher bis in das 20. Jahrhundert ein weitgehend unerforschtes Randphänomen. Verhältnismäßig spät wurde die indianische Heilkunst ausgerechnet von einem deutschen Pressefotografen und Journalisten gewürdigt, der zu den wichtigsten Autoren von Wildwest-Romanen avancierte. In seinem Buch „Das Heilwissen der Indianer“ beschrieb er die Apotheke Manitous und ehrte sie gebührend.

Geronimo

Geronimo. Goyathlay („der Gähnende“) wie Geronimo ursprünglich hieß, war Kriegshäuptling und Medizinmann der Chiricahua, einer Stammesgruppe der Apachen. Neben Sitting Bull und Crazy Horse zählt Geronimo zu den bekanntesten Indianern Nordamerikas.

Als Anführer schlug Geronimo viele erfolgreiche Kämpfe und wurde von seinen Gegner als böser Hexer verleumdet. Seine Anhänger glaubten hingegen, er hätte die Fähigkeit, Kugeln ihr Ziel verfehlen zu lassen. All die ihm zugeschriebenen Kräfte halfen aber nichts, er beendete sein Leben als geschlagener Mann in Gefangenschaft.

Thomas Kahler

, Ärzte Woche 40/2016

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