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Dr. Ronny TekalMedizin-Kabarettist
 
Leben 26. September 2016

Eine Minute für die Gesundheit

„Vieles“ mal „ein wenig“ ist auch ganz schön viel.

So viel muss einem die Gesundheit schon wert sein: zweimal täglich Zähneputzen, zweimal jährlich zum Zahnarzt, einmal jährlich Steuererklärung. Das wurde uns schon als Kind eingebläut. Die Zeit kann man sich getrost nehmen, da fällt einem kein Stein aus der Zahnkrone und so stellt man zumindest die Gesellschaft für Zahnhygiene und den Finanzminister zufrieden. Doch genug ist das nicht. Denn mit dem Zähneputzen und dem Zahnarzt ist es ja nicht getan. Man sollte auch regelmäßig Zahnseide, Interdentalbürsten, Zungengrundreiniger und Fluoridgels verwenden, eine professionelle Zahnreinigung sowie eine parodontale Grunduntersuchung vornehmen lassen und zumindest einmal im Quartal mit breitem Grinsen durch eine Autowaschanlage gehen. Doch selbst das ist nicht genug. Denn jeder Arzt ist der Ansicht, dass sein Fach die Königsdisziplin darstellt, für das „ein paar Minuten“ Zeit wohl kaum zu viel verlangt sein dürfte.

Augenärzte beharren auf eine regelmäßige Kontrolle des Sehvermögens, Dermatologen möchten jährlich die Haut inspizieren und Internisten, die die Hobby-Endoskopie entdeckt haben, drängen auf Einlass in Magen und Darm, denn nur durch die zeitgerechte Inspektion des Innenlebens lassen sich zukünftige Leiden hintanhalten. Wenn Männer glauben, den regelmäßigen Kontrollen beim Gynäkologen, inklusive PAP-Abstrich und Brustuntersuchung entgehen zu können, haben sie nicht die Rechnung mit dem Urologen gemacht, der dazu drängt, sich die Prostata betasten zu lassen.

Dass man seine Blutwerte kennen sollte, versteht sich von selbst, und da sich die nach jedem Cremetörtchen ändern, empfiehlt man die Bestimmung der Blutwerte, wenn auch nicht nach jedem, so doch zumindest nach jedem zweiten Cremetörtchen. Dazwischen sollte man als Abendlektüre seinen Impfpass studieren, um die Auffrischung für den FSME-Zeckenschutz nicht zu versäumen, obwohl man ohnehin zeitlich mit seiner Gesundheit zu beschäftigt ist, um in den Wald zu gehen.

Natürlich gilt es, auch aktiv etwas für seiner Gesundheit zu tun – regelmäßige moderate körperliche Bewegung, Ausdauer-, aber nicht vergessen, auch Krafttraining gegen den Muskelabbau sowie genügend Ballaststoffe, Spurenelemente, die Extraportion Milch, Gehirnjogging und nach Möglichkeit auch ein Tagebuch führen, über Ernährungsgewohnheiten, Blutdruckwerte, die Beschaffenheit des Auswurfs und die Anzahl der Tagebucheinträge. Ist ja rasch erledigt. Und so viel muss einem die Gesundheit schon wert sein.

Wenn man allerdings bedenkt, dass so mancher Patient schon bei der Aussage „diese Tablette bitte dreimal täglich einnehmen“ ein veritables Burnout entwickelt, so kann man sich vorstellen, wie sehr die vielen Anforderungen zu einem Gefühl der Unzulänglichkeit führen können. Doch Unzulänglichkeit gilt als schlechter Motivator und so kann es sein, dass man sich vor lauter Überforderung nicht einmal mehr die Zähne putzt.t

Dr. Ronny Tekal ist Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at

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