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Das mangelnde Wissen über chronische Krankheiten sollte möglichst früh behoben werden.
 
Leben 19. September 2016

Keine Angst vor Kindern mit Diabetes mellitus

Diabetes mellitus. Experten weisen auf rechtliche und gesundheitspolitische Lücken in der Versorgung unserer Kleinsten in Schulen und Kindergärten hin.

Jedes Jahr erkranken in Österreich rund 300 Kinder unter 15 Jahren an Diabete mellitus Typ 1. Immer mehr Kinder sind bei der Diagnose sogar unter fünf Jahre alt! Insgesamt sind geschätzte 4.000 österreichische Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren von dieser Autoimmunerkrankung betroffen. Die Zahl der Neuerkrankungen hat sich in den letzten 20 Jahren verdoppelt. Mit Hilfe einer umfassenden Schulung und einer maßgeschneiderten Therapie können die Betroffenen ein fast normales Leben führen.

Jedes Kind mit Diabetes, vor allem jüngere Kinder, benötigen nicht nur die Unterstützung ihrer Eltern, sondern auch manchmal die Hilfe ihrer Pädagogen. Dies sind nicht unbedingt komplexe medizinische Hilfestellungen, die nur von Fachpersonal zu bewältigen sind, sondern viel öfter kleine Erinnerungen, Rücksicht auf notwendige Messungen, die Supervision bei einfachen Rechenvorgängen der Insulinpumpe oder Basiswissen in Erster Hilfe und vor allem Verständnis für spezifische krankheitsbedingte Notwendigkeiten.

Lehrer wissen zu wenig über Diabetes

Die Studie „Das diabetische Schulkind“ der Pädagogischen Hochschule Steiermark zeigt, dass nur 48 Prozent der Lehrer informiert sind, dass sie ein diabetisches Kind unterrichten. 41 Prozent würden im Notfall falsch reagieren bzw. würden normale Erste Hilfe Kenntnisse nicht richtig anwenden. „Oft ist nicht einmal der Unterschied zwischen Typ 1 und Typ 2 Diabetes bekannt“, erläutert Dr. Elke Fröhlich-Reiterer, vom Department für Allgemeine Pädiatrie der MedUni Graz und Vorstandsmitglied der Österreichischen Diabetes Gesellschaft (ÖDG). „Turnlehrer sind manchmal sehr engagiert und wollen Kinder mit Diabetes beim Sport unbedingt mitmachen lassen. Sie wissen aber zu wenig über die notwendige Balance zwischen Bewegung, Insulin und Kohlenhydrate“.

Nicht auf chronisch kranke Kinder vorbereitet

Im Alltag zeigen sich viele unterschiedliche Facetten des Problems: „Manche Lehrer lehnen es schlichtweg ab mit der Insulinpumpe bei einem Volksschulkind etwas zu tun zu haben oder es auf Skikurs mitzunehmen. Wieder andere bestehen auf der elterlichen Begleitung bei Wandertagen, was berufsbedingt für viele Eltern nicht möglich ist“, betont Fröhlich-Reiterer. „Es scheint sehr willkürlich zu sein und von der Einstellung, der Angst und dem Wissensstand der jeweiligen Lehrperson abzuhängen, ob ein Kind mit Typ 1 Diabetes wirklich an allen Schulveranstaltungen teilnehmen darf. Obwohl es für jeden nachvollziehbar ist, was das Ausgeschlossensein aus der Klassengemeinschaft für ein Kind bedeutet; zudem ist es auch rechtlich bedenklich, ein Kind wegen seiner Erkrankung vom Unterricht auszuschließen.“

Weiterbildungen gefordert

Viele Lehrer haben einfach Angst. Gute und richtige Informationen können hier Sicherheit und Ruhe schaffen, die letztlich alle in der Schule brauchen. Der falsche Umgang mit Kindern mit Diabetes kann nämlich auch zu potenziellen Gesundheitsgefährdungen führen. Fröhlich-Reiterer erläutert, dass die Haltung: „Gesundheit und Krankheit haben nichts mit dem Unterricht zu tun“, ein verhängnisvoller Irrtum ist.

„Für Lehrer ist der richtige Umgang mit Sport, das entsprechende Erkennen und Reagieren von Über- oder Unterzuckerung, das Wissen um mögliche Probleme und Kenntnisse der Ersten Hilfe leider nicht selbstverständlich. Pädagogen sollen im Umgang mit chronisch kranken Kindern und Jugendlichen sensibilisiert und bei der Ausübung ihrer Tätigkeit unterstützt werden“. Schon kleine pädagogische Entscheidungen wie beispielsweise die Pausengestaltung oder Stundenplanänderungen mit geändertem Bewegungsverhalten haben großen Einfluss auf das Management einer Diabeteserkrankung.

Ministerien sind sich uneinig

Viele Hilfeleistungen werden von Lehrkräften auch in einem rechtlichen Graubereich erbracht. „Die Zuständigkeit für chronisch kranke Kinder wird seit vielen Jahren zwischen den Bundesministerien für Bildung und dem für Gesundheit hin- und hergeschoben.

So wird das Problem der Zuständigkeit und Verantwortung ungelöst auf die unteren Hierarchie-Ebenen abgewälzt und letztlich auf Einzelpersonen abgeschoben. Es fehlen klare Regelungen, gesetzliche Grundlagen, informiertes Personal und eine gemeinsame sichere Lösung, wie sie der gemeinsamen Verantwortung der entsprechenden Ministerien für chronisch kranke Kinder entspricht“, erläutert Dr. Lilly Damm vom Zentrum für Public Health der MedUni Wien.

Weiters fehlen Gesundheitsberufe in den Schulen (z. B. Schulkrankenschwestern, Schulassistenzen), wie sie international empfohlen werden und wie sie in den meisten Ländern bereits erfolgreich im Einsatz sind. „Falls Unterstützungsleistungen durch Gesundheits- oder Assistenzberufe für die Ausbildung von Kindern mit Diabetes zusätzlich oder vorübergehend erforderlich sind, müssen sie den Kindergärten und Schulen zur Verfügung gestellt werden – und zwar ohne Extrakosten für die Eltern der Betroffenen“, fordert Damm.

Unterstützenswerte Initiativen

In der Steiermark macht sich der Verein Diabär ( www.diabaer.at ) für Kinder mit Diabetes stark: Der Verein wurde von betroffenen Eltern gegründet und setzt sich gezielt für die Verbesserung der Betreuung der betroffenen Kinder und Jugendlichen ein. Auf Initiative von Diabär nahm das Land Steiermark in seinen Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention explizit das Thema „Gleichstellung von chronisch kranken Kindern und Jugendlichen in Schulen“ auf. „Dies ist ein weiterer Meilenstein in der Umsetzung dieses Anliegens für ganz Österreich“, freut sich Fröhlich-Reiterer.

Auch die österreichweite Bürgerinitiative „Gleiche Rechte für chronisch kranke Kinder“ (BI Nr.60; http://bit.ly/2c994Qk ) macht seit Jahren auf die bestehenden Probleme aufmerksam. Derzeit liegt sie im Unterausschuss für Unterricht.

Informationen über die Aktivitäten der ÖDG finden Sie unter www.oedg.at

Der Kurzfilm „Beinah zu spät“ macht auf Kinder und Jugendliche mit Typ 1 Diabetes aufmerksam:

www.typ1diabetes.at

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