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Leben 12. September 2016

Verschwörungsglaube ist ein religiöses Problem

Verschwörung. Geheime Wahrheiten und Komplotte üben auf manche eine unerklärliche Faszination aus. Der Glaube an Verschwörungen fußt dabei auf ähnlichen psychologischen Mechanismen wie der Glaube an Götter.

Jahrelang erforschte der US-Psychologe Rob Brotherton (Suspicious Minds, 2015) klassische Verschwörungstheorien in den USA, etwa zum Mord an US-Präsident John F. Kennedy von 1963, zur – vermeintlich im Studio gefälschten – US-Mondlandung von 1969 oder zum angeblichen Alien-Crash in Roswell von 1947.

Dabei zeigte sich, dass viele der psychologischen Grundfunktionen von „conspiracy theories“ denen entsprachen, die wir auch aus der Religionsforschung kennen, beispielsweise die Überwahrnehmung von Wesenhaftigkeit („hyper agency detection“, HAD). Demnach vermuten Menschen im Zweifelsfall – und verstärkt unter Stress – geradezu instinktiv planvolle Akteure hinter Ereignissen, um sich abzusichern. Nach dem Prinzip: Es ist evolutionär günstiger, viele Male einen Busch für einen lauernden Bären zu halten als ein einziges Mal einen lauernden Bären für einen Busch. Tatsächlich ist dieser HAD-Effekt bei uns so stark ausgeprägt, dass wenige Punkte und Striche ausreichen, um uns ein Gesicht mit einer freundlichen, traurigen oder feindseligen Haltung in die Wahrnehmung zu zaubern – wie Smileys und Emoticons täglich demonstrieren.

Da muss mehr dahinter stecken ...

Brotherton konnte zeigen, dass die gleiche Präferenz auch bei der Beurteilung der Frage eine Rolle spielte, ob Kennedy tatsächlich nur vom Einzeltäter Lee Harvey Oswald ermordet wurde oder ob eine ganze Verschwörergruppe dahintersteckte. Obgleich zahlreiche Journalisten, Gerichte, Wissenschaftler und parlamentarische Untersuchungsausschüsse die Attentate aufarbeiteten, ließen sich keine belastbaren Belege für eine solche Verschwörergruppe finden.

Dennoch wuchsen die Verschwörungstheorien mit jedem weiteren Buch und Film an: Von der Mafia über den kubanischen Geheimdienst, die CIA oder politischen Rivalen bis hin zu den Illuminaten oder „zionistischen Weltverschwörern“ wurde so ziemlich jeder für das vorzeitige Ableben des Präsidenten verantwortlich gemacht. Und je mehr Nachforschungen und Debatten zu den Attentaten stattfanden, desto weniger wahrscheinlich erschien immer mehr Menschen in den USA die Einzeltäterthese. Es musste doch einfach „jemand“ dahinterstecken!

Eine zweite Beobachtung Brothertons verwies sogar noch deutlicher in den Bereich der Religionspsychologie: Zu seinem Erstaunen stellte der Forscher fest, dass die meisten Verschwörungsglaubenden gerade nicht von einer Welt ausgingen, in der eben verschiedene konkurrierende Verschwörerkreise miteinander um Einflussbereiche stritten.

Superverschwörer an der Spitze

Stattdessen traf er immer wieder auf die Vorstellung einer Verschwörungspyramide, an deren Spitze übermenschlich begabte und manipulative Superverschwörer standen. Diese seien so genial, dass sie über Jahrhunderte hinweg nahezu fehlerfrei agieren und die „niederen“ Verschwörergruppen kontrollieren, sie sogar gegeneinander ausspielen könnten. Und je nach religiös-weltanschaulicher Präferenz fanden sich an der Spitze dieser Pyramide dann eben die Illuminaten oder die „Weisen von Zion“, aber auch superreiche Wirtschaftseliten, Bilderberger, Außerirdische oder künstliche Intelligenzen (wie im Science-Fiction-Film „Matrix“ von 1999).

Der Glauben an solche übermenschlich begabten und Generationen überspannenden Superverschwörer wird nicht nur von den meisten Menschen, die solche fantastischen Theorien für bare Münze nehmen, geteilt. Er markiert auch den endgültigen Übergang von rechtsstaatlich überprüfbaren Verschwörungstheorien zu sinnstiftenden Verschwörungsmythen, die gegen Überprüfungen abgedichtet sind: Denn jede Widerlegung beweise doch wieder nur die Genialität der Superverschwörer.

Verstehen wir uns dabei nicht falsch: Auch konstruktive Mythen wie „Das Leben hat einen Sinn“, „Jeder Mensch hat Menschenrechte“, „Gott liebt dich“ oder „Die Wissenschaften erschließen uns Wahrheiten“ sind nicht empirisch überprüfbar und gehören dennoch in unterschiedlichen Kombinationen zu den Grundlagen jeder menschlichen Weltanschauung und Religion. Tatsächlich ist der Glaube daran, dass es „in der Welt mit rechten Dingen zugeht“ und dass wir einigermaßen Vertrauen in unsere Wahrnehmungen, Institutionen und Rechtsordnungen haben können, auf unzähligen Mythen kulturell angewachsen und alles andere als selbstverständlich.

Und tatsächlich: Verschwörungsmythen stellen unser zivilisatorisches Grundvertrauen in eine insgesamt funktionierende Ordnung in Frage – und sprechen wiederum Menschen an, die bereits Zweifel und Misstrauen hegen. Sind Impfungen wirklich gut für Kinder oder doch nur eine Verschwörung der „Impfindustrie“? Arbeiten Wissenschaftler wirklich vertrauenswürdig oder lassen sie sich für eine „Klimalüge“ einspannen? Dient unsere gewählte Regierung wirklich dem eigenen Volk oder bereitet sie im Dienst verschwörerischer Mächte einen „Bevölkerungsaustausch“ vor? Und wer kontrolliert eigentlich diese unfassbar großen und mit ständiger Zerstörung drohenden Finanzströme?

Gefahr der Radikalisierung

Entsprechend warnte auch der ehemalige Oberrabbiner von Großbritannien, Lord Rabbi Jonathan Sacks, in seinem Buch „Not in God’s Name“ von 2015 vor dem von ihm sogenannten pathologischen Dualismus: Verschwörungsgläubige glaubten letztlich an die Macht des Bösen in der Welt, von der das Gute und auch die Betreffenden selbst akut bedroht würden. Dabei könne dieser Verschwörungsglaube sowohl religiöse wie auch säkulare Gruppen befallen und sie zu der Einschätzung führen, sie müssten sich ihrerseits durch Verschwörungen oder gar Gewalt gegen die vermeintliche Superverschwörung „verteidigen“. Denn Vertrauen auf Reformen, friedlicher Widerstand oder gar Dialog mit Andersdenkenden erschienen extrem Verschwörungsglaubenden angesichts der Übermacht des Bösen letztlich als wirkungs- und sinnlos.

Und tatsächlich weisen alle Terrororganisationen die Gemeinsamkeit auf, dass sich ihre Anhänger im Widerstand gegen eine „globale (Super-)Verschwörung“ wähnen und vorgeben, letztlich in Notwehr zu handeln. Auch wenn sie den Glauben an ein höchstes, überlegenes Prinzip oder eine allmächtige Gottheit bekunden, so glauben sie doch, dass finstere Superverschwörer das Weltgeschehen bestimmten.

Aber nicht nur kleine extreme Gruppen – auch große politische Bewegungen und sogar Regierungen können sich auf Verschwörungsmythen stützen. Wenn es ihnen gelingt, ihre Anhängerschaft davon zu überzeugen, dass die Außenwelt von bösen und akut bedrohlichen Verschwörungen beherrscht wird, dann können sie sich als starke Retter präsentieren, die Durchblick, Schutz und Vergeltung im Austausch für bedingungslosen Gehorsam anbieten.

Psychologisch völlig vergleichbar argumentieren daher Populisten weltweit wie Erdogan, Orban und Putin: „Die“ anderen Medien, Parteien, Regierungen, Richter seien bedrohliche Verschwörer, gegen die man letztlich nur mit der harten Hand eines starken Anführers ankomme.

Aufschwung durch Neue Medien

Kulturgeschichtlich haben wir dabei immer wieder Phasen aufflackernden Verschwörungsglaubens – denken wir an den mörderischen Antisemitismus am Beginn des 20. Jahrhunderts oder die antikommunistischen „Hexenjagden“ der McCarthy-Ära in den USA. Die Erfindung des Buchdrucks brachte nicht nur gelehrte Bestseller hervor, sondern frühe, furchtbare Verschwörungswerke wie den „Hexenhammer“ (1. Auflage 1586). Dessen Mythen vom Teufelsbund fielen Abertausende zum Opfer – nicht im vermeintlich finsteren Mittelalter, sondern in der frühen Neuzeit und viel seltener in stabil katholischen Gebieten als in konfessionell umkämpften und institutionell verunsicherten Regionen.

Heute erschüttern vor allem digitale Medien nicht nur den Geltungsbereich der etablierten Anbieter und Institutionen, sondern auch das Lebensgefühl vieler Anwender. Wer ohnehin zu Angst und Misstrauen neigt, kann sich heute leichter denn je mit Gleichgesinnten vernetzen, sich den ganzen Tag mit entsprechend eingefärbten oder gefälschten Nachrichtenströmen versorgen und dann gemeinsam über die „naiven Gutmenschen“ herziehen, die weiterhin ihr – eigentlich durchaus nicht unkritisches – Vertrauen in Rechtsstaat, Qualitätsmedien, Schulmedizin und Wissenschaften setzen.

Denn der Homo sapiens mag inzwischen Computer und Smartphones benutzen und Rekord-Lebenserwartungen verzeichnen; doch seine zur Angst neigende Psyche wurzelt in den bedrohlicheren Lebensumständen der Steinzeit. Und mancher tauscht seinen wenig schillernden Alltag auch gerne gegen die prickelnde Fiktion einer Welt ein, in der er heldenhaft mit einer kleinen Gruppe „Wissender“ die globale Superverschwörung aufdeckt und zerschlägt. Geschäftstüchtige Verschwörungsverkünder aller Art, aber eben auch Terroristen und Populisten wissen diese Schwächen unserer Psyche über alle verfügbaren Medien hinweg anzusprechen und auszunutzen.

Dr. Michael Blume ist Teil des „sciebooks“-Teams und publiziert auf der folgenden Homepage religionswissenschaftliche Abhandlungen: www.sciebooks.de


Michael Blume

, Ärzte Woche 37/2016

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