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Kino-Doku Goldene Gene: China National Genbank.
 
Leben 12. September 2016

Unüberschaubar faszinierend

 Gigantische Biobanken speichern das Erbgut der Organismen. In fünf Jahren werden 10.000 Wirbeltierarten vollständig sequenziert vorliegen. Am Ende steht ein genetischer Gesamtkatalog des Lebens. Wie sehr uns dieses tiefe Naturverständnis verändert, davon handelt der Film „Goldene Gene“.

Nichts wegschmeißen. Da war sich Prof. Wawilow ganz sicher. Keines der mühsam in ihren ursprünglichen Verbreitungsgebieten gesammelten Samenkörner würde er dem Mob opfern. Oder dem eigenen bohrenden Hunger. Der Botaniker Nikolai Iwanowitsch Wawilow (1887 bis 1943) und seine Schüler zählen zu den unbesungenen Helden der Wissenschaftsgeschichte. Wavilow gründete in St. Petersburg das erste Genzentrum für Kulturpflanzen, er träumte von einem globalen genetischen Informationsnetzwerk. Und nahm die Entwicklung voraus, deren Zeuge wir heute sind.

Die pathologischen Sammlungen und Herbarien werden von Gendatenbanken abgelöst. Gesammelt werden heute nicht mehr allein die Lebensformen selbst, Käfer auf Nadeln oder platt gedrückte getrocknete Pflanzen. Gesammelt und gespeichert wird die pure Information über das Leben – die DNA.

Tiefgefroren und körperlos lagern die Gene von Millionen von Pflanzen, Tieren und Menschen in Biobanken rund um die Welt. Allein an der Biobank der Medizinischen Universität Graz lagern aktuell mehr als 7,5 Millionen biologische Proben. Gemeinsam mit all den Maissamen, Eisbären–Stammzellen und eingefrorenen menschlichen Blutstropfen reisen alte Träume Richtung Zukunft: die Rettung vom Aussterben bedrohter Tierarten, das Ende des Hungers auf der Welt, ein Menschenleben ohne Krankheiten.

Die Wissenschafts-Doku Goldene Gene zeigt sie alle: vom Svalbard Global Seed Vault auf Spitzbergen über die Tierzellbank des deutschen Fraunhofer–Instituts bis zum größten Biodiversitätsspeicher der Welt im chinesischen Shenzhen. Biobanken wie diese sind die Datenzentren im Netz der globalen genetischen Forschungscommunity. Die Informationen, die sie aus der DNA von Lebewesen generieren, sind die Arbeitsgrundlage der heutigen Lebenswissenschaften.

Doch Biobanken tun mehr als das. In ihren Kühlregalen verwischen sie die Grenzen zwischen den Lebensformen. Ob Pilz, ob Bakterium, ob Mensch – die Technologie macht alle gleich. So stellen Biobanken uns Menschen vor eine fundamentale Frage: Was bedeutet es, im genomischen Zeitalter ein Teil der Natur zu sein.

Was noch vor 20 Jahren denkunmöglich war, wird von Wissenschafter als konkretes Vorhaben diskutiert: Die Speicherung der DNA von allem Leben auf der Erde – eine Idee, die mit der hundertjährigen Geschichte der Genetik eng verbunden ist und die realisierbar scheint. Platz ist nicht das Problem: 4 bis 6 Tanks mit flüssigem Stickstoff reichen für alle Säugetierarten der Welt.

Wawilow und etliche seiner Mitarbeiter sind Hungers gestorben, Wawilow selbst im Gefängnis, seine Schüler teilweise über ihre Arbeit gebeugt am Schreibtisch – vor prall gefüllten Reissäcken. Sie bewahrten das Erbe der Menschheit und behielten nichts für sich.

 

Martin Krenek-Burger

, Ärzte Woche 37/2016

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