zur Navigation zum Inhalt
Dr. Ronny Tekal, Medizin-Kabarettist
 
Leben 7. September 2016

Aufgeklärt

Über die Wirksamkeit medizinischer Awareness-Kampagnen.

„Aufklärung“ ist ein Begriff, der nicht nur unsere Geschichtslehrer in erotische Stimmung versetzt, sondern sich auch in meinen Jugendtagen in Form von Dr. Sommer größter Beliebtheit erfreut hat. Mittlerweile übernimmt das World Wide Web die Aufgabe, unsere Kinder umfassend darüber zu informieren, dass die menschliche Fortpflanzung mit dem Sex der Bienen nur wenig gemein hat, und Blumen höchstens im Vorfeld als Mittel zum Zweck Verwendung finden.

In der Medizin geht die Aufklärung längst schon über die Grenzen der zwischenmenschlichen Intimitäten hinaus. Wir klären über Erkrankungen auf, starten Kampagnen und stärken die Awareness, also die Achtsamkeit, da die meisten Mitbürger ja bekanntlich völlig achtlos durch das Gesundheitswesen stolpern.

Doch wie weit haben uns unsere Kampagnen gebracht? Natürlich werden die eigenen Bemühungen der Initiatoren stets gelobt, man hätte es geschafft, das „Wimmerl am Hintern“ endlich zu enttabuisieren, man würde heute darüber sprechen und informiert sein, und dies sei ausschließlich den Bemühungen der „Gesellschaft für Wimmerlologie“ zu verdanken. Auch wenn man auf den tausenden Stickern mit dem Aufdruck „Wimmerl“, die man sinnigerweise am Heck seines Autos anbringen sollte, sitzengeblieben ist und die PR-Aktion eigentlich für den Arsch war. Denn befragt man den Durchschnittsbürger, so hat der nach wie vor keinen Schimmer, wie so ein Wimmerl überhaupt an einen Hintern gelangen kann, ob dieser Zustand lebensbedrohlich, ansteckend oder gar nützlich ist, und warum man nun regelmäßig seinen Lebenspartner am verlängerten Rücken etwas genauer ansehen sollte.

Es ist wie mit den Nachrichten im Fernsehen. Um zu erklären, wo denn nun diese Bombe hochgegangen ist, gibt es gleich eine kleine Nachhilfe in Geografie, man zeigt uns kindgerecht in bunten Farben, wo die Hauptstädte von Syrien, dem Libanon, Moldawien oder Burkina Faso liegen. Man erläutert in hübschen Bildern und einfachen Grafiken, wie es zu einer Bankenkrise kommen konnte. Und auch die nette Dame vom Wetter doziert geduldig, was es mit einer Hochdruckbrücke auf sich hat. Wie ein Schwamm saugen wir die Informationen in uns auf, um nach wenigen Minuten nicht mehr genau zu wissen, wie eine Hochdruckbrücke in Syrien eine Bankenkrise ausgelöst haben könnte. Bedenkt man, wie wenig bei ganz profanen Erklärungen von Mechanikern, Juristen, Pfarrern oder Wurstverkäufern in unseren Gehirnen hängenbleibt, dass wir auch nach dutzenden von Jahren überlegen müssen, ob man bei der Sommerzeit die Uhr nun nach vor oder zurückdreht, sollten wir auch von unseren Patienten nicht allzu viel medizinisches Know-how voraussetzen.

So müssen wir eben jedes Mal aufs Neue erklären, dass man sich am Cholesterin nicht anstecken kann, Gürtelrosen keine Dornen haben und ein Milzbrand kein Schnaps ist.

Immerhin lebt eine ganze Population von Medizinjournalisten von der Flüchtigkeit des Wissens, sodass man mit jeder Ausgabe alte Hüte als Neuigkeit präsentieren kann.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben