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Dr. Ronny TekalMedizin-Kabarettist
 
Leben 29. August 2016

NebenWirkungen: Reparatur oder Austausch

Die Wegwerfgesellschaft hat die hohe Kunst der Reparatur verlernt.

Vor Kurzem gedachte man des Einsturzes der Wiener Reichsbrücke am 1. August 1976. In einem Nebensatz wurde vermerkt, dass der dabei mit in die Donau mitgerissene und völlig geschrottete Bus der Wiener Linien danach wieder repariert wurde, um weitere 13 Jahre seinen Dienst zu versehen. Wer hingegen heute blauäugig eine Vertragswerkstätte aufsucht, um einen defekten Kühlerschlauch tauschen zu lassen, wird wohl über das Ergebnis der ersten Diagnose (Blick in den Motor mit fachmännischem Kopfschütteln), des Befundes (horrender Kostenvoranschlag) und der Therapie (zwei Handgriffe zum Tausch des gesamten Kühlers) erstaunt sein. Auch wenn man feststellt, dass der Schlauch im Onlineshop um 8,– Euro zu haben ist (unprofessionelle Recherche im Internet) und die Anleitung des norddeutschen Nerds auf Youtube gar nicht so kompliziert klingt (unseriöse Heilversprechung), muss man letztlich doch dem Urteil des Experten (Mechaniker für Allgemeinfahrzeuge mit Diplom für Schlauchologie) vertrauen.

Bekommen die Mitarbeiter der Werkstatt zudem spitz, dass sie es mit einem Mediziner als Kunden zu tun haben, werden auch entsprechende Vergleiche angebracht: „Sie müssen sich vorstellen, Sie würden einen Patienten ja auch nicht mit einem geplatztes Blutgefäß nach Hause schicken“. Ein Argument, dem man natürlich zustimmen muss, obwohl man nicht genau erkennen kann, worin die Logik dieser Analogie liegen soll.

Dass die Reparaturen unverhältnismäßig teuer sind, liegt nicht nur daran, dass mit jeder angebrochenen Arbeitsstunde der gesamte Arbeitstag verrechnet werden muss, sondern auch an den neuen Fahrzeugen, die gar nicht mehr repariert werden wollen. Statt einen Kühlerschlauch zu ersetzten (oder gottbewahre sogar nur zu flicken!), muss eben der gesamte Kühler ausgetauscht werden; und da der so perfide mit dem ganzen Motorblock verschweißt ist, muss auch der erneuert werden; und damit auch die Zu- und Ableitungen, die Pedale und der daran hängende Fahrer. Eigentlich rentiert sich die ganze Sache nicht, aber mit der günstigen Eintauschprämie kann man ein nagelneues Fahrzeug, inklusive Fahrer, Beifahrer und Kinder erwerben.

In der Medizin sind wir zum Glück noch etwas altmodischer. Bei der Operation eines grauen Stars muss nicht das gesamte Auge gewechselt werden, mitsamt des über den Sehnerven dranhängenden Gehirns, da dies nur als Set im Ganzen zu bestellen ist. Wir dürfen sogar noch Wunden zunähen, gebrochene Knochen wieder zusammenfügen oder den Wurmfortsatz entnehmen, ohne den Bauteil „Darm komplett“ einsetzen zu müssen. Hier darf man froh sein, dass die Heilkunst weitaus rückschrittlicher ist, als die Automobilindustrie.

Mittlerweile besinnt sich jedoch auch die Wegwerfgesellschaft langsam eines Besseren. In den hippen Bobo-Bezirken entstehen Reparaturcafés, in denen man einen defekten Toaster, ein verbogenes Fahrrad oder einen durchgeknallten Ehepartner um wenig Geld wieder instand setzen kann. Und bald schon vielleicht einen grauen Star.

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