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Dr. Ronny TekalMedizin-Kabarettist
 
Leben 23. August 2016

Patiénten GO!

NebenWirkungen

Ein Handy-Game mit gesundheitlichem Mehrwert ist der Sommertrend 2016.

Jeder Sommer bringt einen Trend mit sich. War in den 1980er-Jahren noch „Oben ohne“ der letzte Schrei, so ist es dieses Jahr „Vorne mit“. Vor allem jüngere Semester laufen seit Juli mit ihren Smartphones in Händen torkelnd die Straßen entlang, mit starrem Blick auf das Display.

Das beliebte Handyspiel Pokémon GO mit den Nintendo-Taschenmonstern hat auch Österreich bei den Kindern und junggebliebenen Senioren voll eingeschlagen. Natürlich möchte man seinen Nachwuchs lieber dazu anhalten, sich sinnvoll zu beschäftigen, den Körper zu stählen, ein gutes Buch zu schreiben oder zumindest ein beliebtes Handyspiel zu entwickeln, damit unsagbar reich zu werden und die Eltern aus Dankbarkeit am Gewinn zu beteiligen. Doch man darf nicht unbescheiden sein. Immerhin verkriechen sich die Spieler nicht in den Wohnungen, sondern gehen an die frische Luft. Denn absurderweise finden sich die virtuellen Pokémons draußen in der realen Welt. Man muss also die Fernsehcouch verlassen, um zumindest auf einer Parkbank sitzen zu kommen.

Zudem geht es im Spiel auch darum, Eier auszubrüten. Dabei reicht es nicht, sich wie eine Henne auf das Smartphone zu setzen, man muss mehrere Kilometer gehen, damit ein Monster schlüpft. Zu Fuß, in angemessener Gehgeschwindigkeit. Perfiderweise wird das über das GPS-Modul kontrolliert, sodass es leider nicht wie bei den Schrittzählern der einfältigen Fitness-Apps genügt, das Smartphone am Sofa zu schütteln. Zwar kann man das Handy einen halben Tag lang am Rasenrobotor befestigt spazieren schicken, doch das erfordert ein großes Maß an krimineller Energie. Nein, das Spiel könnte von Vorsorgemedizinern entwickelt worden sein, so diabolisch hinterlistig treibt es die User zu körperlicher Betätigung. Auch die American Heart Association hat ihre Begeisterung bereits bekundet. Eine Stunde Zocken hätte einen ähnlich großen Trainingseffekt, wie einen Tag lang schnell joggen, eine Woche lang ungehemmten Sex oder ein Monat lang durchgehend Sprungkniebeugen. Man muss alles nur in Relation zum normalen Bewegungsverhalten der Patienten setzen.

Auf der anderen Seite bringt das Spiel auch Gefahren mit sich. Und zwar im wahrsten Sinne „auf der anderen Seite“. Denn taucht plötzlich ein Pokémon auf der anderen Seite der Straße auf, so wird die alte Präventionsformel „Schau links, schau rechts, schau grade aus“ in den Wind geschossen. Lieber ein Pokémon zu viel, als eine Fraktur zu wenig. Verkehrsunfälle sind bereits als Nebenwirkung beschrieben, doch wenn ein Pokémon-Passant von einem SMS-tippenden Fahrzeuglenker gerammt wird, wird das den beiden kaum auffallen.

Da das Spiel gratis ist, kann man nicht einmal fordern, dass die Kosten von den Krankenkassen übernommen werden sollten. Doch es wäre zu überlegen, ob man die ständigen ärztlichen Ermahnungen zur Lebensstilmodifikation nicht durch das Spiel „Patiénten Go“ ersetzen kann. Da hätte selbst das Senken des Cholesterinspiegels Suchtpotenzial.

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