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Von Dr. Ronny Tekal, Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at
 
Leben 11. Juli 2016

Ferien ohne Ballaststoffe

Urlaub zeigt, wie unbeschwert es sich durchs Leben gehen lässt

So verabschiedet sich Österreich also in die wohlverdiente Sommerpause, und obwohl die meisten Landsleute auch im Juli und August im Land bleiben, werden die Läden heruntergeklappt. Man hat sich bemüht, die ausständige Arbeit noch rasch zu erledigen, was nicht immer zufriedenstellend geglückt ist.

Schließlich hätten wir bereits ein neues Staatsoberhaupt, müssen jedoch nochmals wählen und gehen daher kopflos in den Sommer. Wir hätten uns auch gerne als Europameister in den Urlaub verabschiedet oder während der Fußball-EM zumindest zeigen wollen, dass wir geübt haben. Doch die dreisten Isländer stahlen uns diese Idee. Uns blieb immerhin ein 0:0 gegen Portugal und, wie es der Kabarettist Helmut Qualtinger so hübsch formulierte „ein Unentschieden ist ein Sieg für Österreich“.

Viele Kollegen wären auch besten Willens gewesen, den Stapel an liegengebliebenen Patienten, ungelösten Rätseln und nicht diktierten Entlassungsbriefen abzuarbeiten. Doch die Zeit hat nicht gereicht, und so verstaut man Briefe und Patienten schlechten Gewissens in einer Lade, um sie nach den Ferien weiter zu bearbeiten. Obwohl der verpflichtende zweimonatige Betriebsurlaub eigentlich nur Schülern, Lehrern und Verkäufern von Heizdecken zusteht, richtet sich die Gesellschaft danach. Denn auch wenn man keine schulpflichtigen Kinder hat, so hat man zumindest einen Lehrer oder einen Verkäufer von Heizdecken in der Familie, den man beschäftigen oder auf Ferienlager schicken muss, damit er nicht auf dumme Gedanken kommt. Das Land wird es verkraften, wenn Lehrer, Ärzte oder Bundespräsidenten nicht zugegen sind. Man wird sich in dieser Zeit auch nicht weniger gebildet, gesund oder regiert fühlen, als in den restlichen Monaten des Jahres.

Es ist für mich das alljährliche Faszinosum Sommer, das einen immer wieder demütig vor Augen hält, wie wenig es braucht, um alles am Laufen zu halten. Natürlich darf man froh sein, wenn im Juli der eine oder andere Bäcker arbeitet, die eine oder andere Kuh Milch gibt oder natürlich auch der eine oder andere Arzt zur Stelle ist, wenn man sich beim Brotschneiden in den Finger geschnitten hat und die Kuh da nicht mehr weiter weiß.

Doch wie viele Dinge, die unterm Jahr so unendlich wichtig sind, dass kein einziger Tag vergehen darf, ohne diese Dinge zu verrichten, verlieren mit Ferienbeginn ihre Wichtigkeit, können warten oder werden überhaupt fallengelassen, um sie im Herbst wieder als Ballast zu schultern. Erstaunlicherweise betrifft das auch den Medizinbetrieb, wenn er im Sommer heruntergefahren wird. Denn statt einem Engpass ist meist auch hier so etwas wie tote Hose, und das nicht nur auf der Urologie. Schließlich sind auch all unsere Patienten auf Urlaub, die ganz ohne Kontrolltermine überleben, ganz ohne medizinische Betreuung oder die beliebte Gepflogenheit, sich knapp vor Ordinationsschluss noch dringend ausführlich durchchecken zu lassen.

In diesem Sinn wünsche ich einen schönen Sommer, in dem sie so manchen Ballast durchaus auch dauerhaft ablegen können.

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