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Von Dr. Ronny Tekal, Allgemeinmediziner und Begründer des Medizinkabaretts www.medizinkabarett.at
 
Leben 27. Juni 2016

Ausgeträumt

Nach dem Aus für die Österreichische Fußball-Elf bei der EM kehrt wieder Nüchternheit ins Leben ein.

Viel wurde in den vergangenen Tagen überlegt, wie man mit dem Umstand umgehen soll, dass die Österreicher doch nicht zur Weltspitze des Fußballs gehören und damit auch nicht die besseren Deutschen sind. Eine schmerzliche Erkenntnis, da man lange Zeit davon ausging, dass nun die „ganz große Sensation“ kommen würde. Dass man eine Sensation schon aus Prinzip nicht ankündigen kann, hätte uns natürlich stutzig machen können. Doch wir durften zumindest hoffen, und das macht schließlich auch Spaß.

Von Kickern aus dem Bewerb geworfen, die uns als direkte Nachkommen der Wikinger sicher nur mit dem einen oder anderen schlauen Trick besiegt haben, müssen wir nun auf die Qualifikation für die Fußballweltmeisterschaft warten, um wieder hoffen zu können und dabei auch viel Spaß zu haben, bis sich wieder die Enttäuschung einstellt. Das nennt man den Kreislauf des Lebens, mancherorts auch Samsara, und dauert so lange an, bis wir die Erkenntnis nicht mehr schmerzlich hinnehmen, sondern nur mehr hinnehmen. Womit wir schon bei der Medizin wären.

Denn wie viele sensationelle Innovationen wurden die vergangenen Jahrzehnte als solche angekündigt, sind aber dann doch letztendlich völlig versandet? Vor über 20 Jahren habe ich mir meine ersten Sporen als Medizinjournalist verdient und war von den Presseaussendungen der pharmazeutischen Firmen und medizinischen Fachgesellschaften höchst beeindruckt. Denn der rote Balken auf der Skala, der die alte Behandlung darstellen sollte, war nur ganz klein, der blaue Balken daneben mit der neuen Therapiestrategie hingegen so groß, dass er über den Rand des hübschen Hochglanzfolders und sogar vom Behandlungsraum bis ins Wartezimmer hinausgeragt hat.

Die Sensation war offensichtlich. Manche junge Ärzte überlegten ernsthaft, auf Surflehrer oder Kabarettist umzuschulen, da mit einer derartigen Behandlung ja künftig keiner mehr krank sein würde. Die älteren Kollegen verfügten jedoch über ausreichend Lebensweisheit, um die Jungspunde vor solchen Übersprungshandlungen zurückzuhalten. Schließlich hatte man auch schon früher gedacht, mit einem gelungenen Aderlass wären alle Probleme gelöst.

Eine solche Abgeklärtheit mag vernünftig sein. Spaß macht sie jedoch nicht. Denn was wäre die Welt ohne ein wenig Hysterie? Wo wären die Werbefolderhersteller ohne die Hoffnung, dass man mit dem, was im Werbefolder drin steht, zumindest die halbe Menschheit retten könnte.

Auch ich bin mittlerweile abgeklärt, habe schon viele Therapien, Kickertalente und Fußballtrainer kommen und gehen sehen. Dennoch freue ich mich immer wieder aufs Neue, wenn man wieder jubelt, auch wenn der Jubel nicht angebracht ist. Denn Jubeln macht Spaß. Wenn man nur aus berechtigtem Anlass jubelt, käme man viel zu selten dazu. Also mein Tipp: Österreich wird Fußball-Weltmeister 2018 und spätestens dann haben wir ein Medikament gegen Schnupfen gefunden. Jubel!

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