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Ansicht des barocken Innenraumes der Stiftsbibliothek St. Gallen.

Das Zauberwort Abracadabra als magisches Hilfsmittel in der Medizin der Spätantike und des Frühmittelalters.

Aderlass- oder Venenmännchen mit Anweisungen, welches Blutgefäss bei welchen Beschwerden zu öffnen ist.

Der heilige Magnus heilt einen Blinden, Miniatur des St. Galler Mönchs Luitherus in einer lateinischen Magnus-Vita, um 1135.

© (5) Stiftsbibliothek St.Gallen

Der Spitalbezirk auf dem St.Galler Klosterplan (Detail).

 
Leben 6. Juni 2016

Die Kunst des Heilens

Unter dem Titel „Abracadabra. Medizin im Mittelalter“ widmet sich die Ausstellung in der Stiftsbibliothek von St. Gallen frühen Aspekten der Heilkunst: Von 500 bis 1500 n. Chr. reicht die medizingeschichtliche Zeitspanne.

Frühe Handschriften in der Klosterbibliothek im schweizerischen St. Gallen belegen, dass sich Mönchsärzte bereits vom 8. bis 10. Jahrhundert mit medizinischen Fragen befassten. Darüberhinaus widmete man sich dort auch in einem eigenen Spitalsbereich der Krankenpflege.

Medizin und Magie standen während des Mittelalters in einem sehr engen Zusammenhang. Die damaligen medizinischen Kenntnisse waren meistens nur durch die Überlieferungen antiker griechischer oder römischer Quellen vorhanden. Dieses tradierte Wissen stellte zwar eine wertvolle Grundlage dar, dennoch musste man sich oft mit reinen Mutmaßungen zufrieden geben. Rationales und Irrationales lagen dementsprechend eng beieinander. Die Verwendung von Heilung versprechenden Beschwörungsformeln war weit verbreitet und hielt sich als heilkundliches Hilfsmittel bis hinein in die Neuzeit. Manches an der mittelalterlichen Heilkunde ist ohnehin nur verständlich, wenn man sich vergegenwärtigt, auf welch tatsächlich belegbares medizinisches Wissen man dabei zurückgreifen konnte.

Die Überzeugung, dass Amulette und formelhafte Beschwörungen helfen würden, war weit verbreitet. Man vertraute darauf, dass dadurch eine Linderung von Schmerzen möglich war. Daher rührt auch das berühmte „Abracadabra“, welches sich in zwei Quellen der Stiftsbibliothek als vermeintlich mächtiges Zauberwort erstmals findet. Im Manuskript C 78, das sich heute im Bestand der Zentralbibliothek Zürich befindet, sowie im „Liber medicinalis“, die beide aus dem 9. Jahrhundert stammen, findet sich dessen Erwähnung. Diese frühen Schriften sind im Wechsel nun in der Klosterbibliothek St. Gallen zu sehen. Die erwähnte Beschwörungsformel sollte – um jeweils einen Buchstaben verringert – beim Ablesen für das Verschwinden der Beschwerden sorgen. Es mag sein, dass manchmal durch den Placebo-Effekt tatsächlich eine Linderung erreicht wurde und man sich folglich darin bestätigt sah, dass das magische Wort seine heilende Wirkung entfaltet hatte.

Zentrum heilkundlichen Wissens

Den alten, tradierten Quellen wurde erhebliches Vertrauen geschenkt. Maßgebend war während des Mittelalters die Vier-Säfte-Theorie nach Hippokrates und Galen, derzufolge jede Krankheit auf ein Ungleichgewicht von Blut, Schleim, gelber und dunkler Galle zurückzuführen ist. Ein Aderlass oder die Verabreichung von Brech- sowie Abführmitteln an den Patienten sollte daher Krankheiten verlässlich kurieren. Man sollte dabei nicht übersehen, dass eine pathologisch-medizinische Untersuchung des menschlichen Körpers ausgeschlossen war, denn kirchliche Autoritäten wachten streng über dessen Unverletzlichkeit. Wichtige medizinische Zusammenhänge konnten folglich nicht erkannt werden. Das „Aderlass-Männchen“ zeigt, woran sich Heilkundige beispielsweise orientieren konnten.

Das heilkundliche Wissen in schriftlicher oder bildlicher Form wurde – wie am Beispiel von St. Gallen ersichtlich – meist im klösterlichen Umfeld gesammelt und überliefert. Ein herausragendes Zeugnis frühmittelalterlicher Heilkunde ist das um 795 verfasste Lorscher Arzneibuch. Zudem verband sich der Gedanke der „Caritas“ als christlich motivierte Fürsorge alsbald mit der benediktinischen Ordensregel, der auch das St. Gallener Kloster folgte. Die heutige christliche Idee der Krankenfürsorge leitet sich von der Erzählung des barmherzigen Samariters aus dem Lukas-Evangelium ab.

St. Gallener Mönchsärzte

Bereits im 8. Jahrhundert wurde durch Otmar, den heilig gesprochenen Gründerabt des Gallusklosters in St. Gallen, ein Leprosorium unweit des heutigen Klosterbezirkes eingerichtet. Schon im 9. Jahrhundert war der Spitalbezirk mit Spital, Kirche, Behandlungs­, Aufenthalts­ und Verpflegungsräumen, Apotheke, Kräutergarten, Aderlasshaus sowie Küche und Bad ein fester Bestandteil des Klosters.

Die Klostermedizin, zu der auch die Anlage eines Kräutergartens gehörte, hat hier ihre wesentlichen Grundlagen. Bei Bedarf konnte man so auf Mittel zur Linderung von akuten oder chronischen Leiden zurückgreifen.

Otmar war nicht der einzige Mönchsarzt. Ein anderer, der weit über St. Gallen hinaus bedeutenden heilkundigen Mönche, der um 900 geborene und 975 in St. Gallen verstorbene Notker, wurde in schriftlichen Quellen dieser Zeit als medicus (Arzt) und später auch als physicus genannt. Notker selbst bezeichnete sich in Urkunden aus den Jahren 956/957 als cellararius (Verwalter) und 965 als hospitarius (Gastmeister). Sein Nachruhm gründet einerseits auf seine durch mehrere Fallberichte belegten ärztlichen Fähigkeiten, die ihn auch an den Hof Ottos des Großen führten. In der ältesten Überlieferung der Casus sancti Galli, der Klosterchronik des St. Galler Mönchs Ekkehart IV. (nach 980 – um 1060) berichtet jener über den Mönchsarzt Notker: „In der Heilkunde aber vollbrachte Notker wunderbare und staunenswerte Leistungen [...]. Das zeigte sich beispielsweise bei der Harnschau des Herzogs Heinrich (Heinrich I. von Bayern) der ihn bloß zu stellen versuchte. Denn als er ihm den Urin einer Kammerjungfer statt des seinigen zum Untersuchen schicken ließ, sagte Notker: ‚Ein Wunder und Zeichen will Gott offenbar tun, hat man doch nie gehört, dass ein Mann mit dem Schosse gebar. (...)‘“ Am Ende der medizinischen Entwicklungen im Mittelalter stand mit der Wende zur Renaissance ein neues Bild der Welt und des Menschen. In der Medizingeschichte wurde damit ein neues Kapitel aufgeschlagen.

Abracadabra – Medizin im Mittelalter

Stiftsbibliothek St. Gallen

bis 6. November 2016

www.stibi.ch

Thomas Kahler, Ärzte Woche 23/2016

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