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© Rodemann/dpa

Guarinonis größtes Werk als Baumeister: Karlkirche in Volders.

 
Leben 17. Mai 2016

Auf ein paar Reliquien nach Rom

Eselsohr

Anno 1613: Kritisch kommentiertes Pilgertagebuch des Tiroler Arztes und Antisemiten Dr. Hippolyt Guarinoni.

Fünf Tiroler Pilger, angeführt vom Haller Stiftsarzt Guarinoni, zogen vor 400 Jahren über den Brenner nach Rom. Der Mediziner verfasste ein Tagebuch, die Historikerinnen Irmeli Wopfner und Christine Zucchelli haben die handschriftlichen Aufzeichnungen kürzlich wieder entdeckt und sich auf die Spuren der alten Pilger begeben.

In der Einleitung weisen die Autorinnen auf die umstrittenen Seiten des Pilgers hin. Der 1571 in Trient geborene und 1654 in Hall gestorbene Arzt sei aufbrausend und moralisierend gewesen, ein strenger Katholik und radikaler Vertreter der Gegenreformation erfüllt von übertriebenem religiösen Eifer. Aus seiner Verachtung für Reformkirchenbewegung und Judentum machte er keinen Hehl.

Das Pilgern war in Zeiten der Gegenrefomation, die in Tirol unter Erzherzog Maximilian III. Einzug gehalten hatte, ein Mittel, seine „Rechtgläubigkeit“ zu demonstrieren. Desweiteren diente die Reise dazu, um ein „bewährtes Heiligthumb bei Ihro Päpstlich Heiligkeit anzuhalten“. Bei dem bewährten Heiligthumb handelt es sich um Reliquien, die Guarinoni für die Kirche des Haller Damenstifts erwerben wollte.

Wie pilgerte es sich anno 1613 denn so? Konnten die Pilger der Spätantike noch auf gut gepflasterten Straßen wandern und sich an den in der berühmten Straßenkarte „Tabula Peutingeriana“ genannten Entfernungen orientieren, verfielen die Straßen im Mittelalter zusehends. Die Orientierung und die Bedrohung durch Hochwasser oder Räuber zwischen den Stationen des Pilgerwegs nahmen zu. Bald bildeten sich durch Mundpropaganda die verlässlichsten Routen heraus. Guarinoni und seine Begleiter wanderten über den Brenner nach Verona, anschließend ging es durch die Po-Ebene nach Mantua, Ferrara und Ravenna, die Adria entlang bis Ancona und Loreto, und schließlich über Assisi und Perugia nach Rom.

Erst ab dem 13. Jahrhundert gab es wieder Karten für den anschwellenden Pilgerstrom. Dabei ist aber zu beachten, dass die Entfernungen von Siedlung zu Siedlung nur grobe Anhaltspunkte darstellen. Zur Illustration zeigen die Autorinnen eine Karte für Rom-Pilger aus dem Jahr 1500. Über die Geländebeschaffenheit vor Ort sagen diese Karten nichts aus. Gefürchtet waren etwa das sumpfige Etschtal von Bozen bis Trient und weite Teile der Po-Ebene. Kleinere Wasserläufe waren nur mit Mühe zu überqueren, mussten durchwatet werden oder zwangen zu Umwegen. Und was sagt Guarinoni zu all den Widrigkeiten? Er lacht: „Sind die Pilgramb seligen Abend gegen Pozen kommen, und auf der Raiß des Wirths genug zu lachen gehabt.“

Irmeli Wopfner, Christine Zucchelli, Anno 1613 von Tirol nach Rom, Die abenteuerliche Pilgerfahrt des Doktor Hippolyt Guarinoni, Hardcover 29,95 Euro, 304 S., Tyrolia Verlag, ISBN 978-3-7022-3506-2

Martin Burger, Ärzte Woche 20/2016

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