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Leben 11. Mai 2016

Risikofaktor Cholesterin: Der fette Irrtum

„Gute“ pflanzliche Fette statt „böser“ tierischer Fette – und schon ist man gesund? So einfach ist es nicht. Eine neu ausgewertete alte Studie bringt das Ernährungsdogma ins Wanken.

Der Nutzen einer zentralen Ernährungsempfehlung wurde womöglich überschätzt. Zu diesem Schluss kommen Wissenschaftler, nachdem sie die Ergebnisse einer randomisierten Untersuchung aus den 60er Jahren neu ausgewertet haben.

Eine Forschungsgruppe um Dr. Christopher Ramsden von der Universität North Carolina hat die Originaldaten dieser als „Minnesota Coronary Experiment“ bezeichneten Untersuchung 16 Jahre nach deren ursprünglicher Veröffentlichung im Jahr 1989 hervorgeholt und im Kontext der heutigen Studienlage neu ausgewertet (BMJ 2016; 353: i1246).

Das Besondere an dieser Studie ist ihr randomisiertes, doppelblindes Design. Denn heutzutage ist es schwierig, in Ernährungsstudien einen solchen Aufbau mit den ethischen Vorgaben zu vereinbaren.

Austausch der Fettsäuren

Im Jahr 1968 waren die Vorgaben offenbar noch nicht all zu streng: Die Forscher haben in ihrem Experiment 9.432 Bewohner aus sechs psychiatrischen Kliniken und einem Pflegeheim in Minnesota zwei Gruppen zugeteilt. Die eine Gruppe erhielt eine Diät, in der gesättigte Fettsäuren durch mehrfach ungesättigte ersetzt wurden; erreicht wurde dies durch den Zusatz von Linolsäure in Form von Maiskeimöl oder speziellen Margarinen. Die Vorgabe war, 18 bis 20 Prozent der Energie durch mehrfach ungesättigte Fettsäuren (Verhältnis 2:1) und nicht mehr als 150 mg Cholesterin pro Tag zuzuführen. Die Kontrollgruppe erhielt eine Krankenhauskost reich an gesättigten Fettsäuren. 2.355 Teilnehmer schafften es, die Diät über ein Jahr einzuhalten. Am Ende der im Mittel dreijährigen Studiendauer verringerte sich deren Cholesterinspiegel um 13,8 Prozent im Vergleich zu 1 Prozent in der Kontrollgruppe.

Doch wider Erwarten wirkte sich dies nicht auf das Überleben der Patienten aus. Paradoxerweise gingen die niedrigeren Cholesterinspiegel sogar mit einem Mortalitätsanstieg einher, gerade bei den über 65-Jährigen. So errechneten die Forscher um Ramsden ein um 22 Prozent höheres Sterberisiko für jede 30 mg/dl Reduktion an Serumcholesterin. Anhand der Autopsiebefunde ließ sich auch kein Unterschied in der Häufigkeit von Myokardinfarkten oder atherosklerotischen Veränderungen in den Koronararterien ausmachen: 41 Prozent der Diät-Patienten und 22 Prozent der Kontrollpatienten hatten in der Zeit einen Infarkt erlitten.

Die bisherige Evidenz habe somit die zentrale Ernährungshypothese, eine durch den Austausch von gesättigten Fettsäuren durch Linolsäure hervorgerufene Cholesterinsenkung habe ein geringeres KHK-Risiko zur Folge, nicht bestätigt, so die Autoren. Womöglich habe man den Nutzen bisher überschätzt und die Risiken unterschätzt. Deshalb sollte man ihrer Ansicht nach mit Ernährungsempfehlungen sehr vorsichtig sein.

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