zur Navigation zum Inhalt
© Olivier Hoslet/picture alliance
Wiedereröffnung der Station Maelbeek.
 
Leben 3. Mai 2016

Brüssel: eine Bombenstadt

Hier kennt jeder jemanden, der jemanden verloren hat.

Wie lebt es sich nach den Bombenanschlägen? Äußerlich gut, innerlich weniger. Der nächste Anschlag kommt bestimmt.

Dienstag, 22. März 2016, morgens. Ich bringe die Kinder etwas früher zur Schule, hole meinen Mann vom Flughafen ab, wir fahren nach Hause, nach Genval, südlich von Brüssel. Wir installieren uns vor den Bildschirmen und fangen an zu arbeiten. Ein paar Minuten später ruft Steve aus seinem Büro: „They’ve reported explosions from the airport. Zaventem’s been hit.“ Die erste Reaktion: Da ist er also, der Anschlag, auf den wir alle gewartet haben. Die zweite: schwankend zwischen Horror und purer Erleichterung. Denn das war knapp – knapper als bei dem von mutigen Menschen vereitelten Anschlag auf den Thalys von Amsterdam nach Paris, damals saß ich zur selben Zeit im Thalys von Köln nach Brüssel.

In das Grauen hinein

Danach: das Entsetzen, als im Laufe der nächsten Stunden aus „einigen Verletzten“ zunächst „mehr als 20 Tote“ werden; als die Metro-Station Maelbeek getroffen wird; das Überprüfen von Bekannten in Brüssel via Facebook; das Beruhigen von Familie, Freunden und Kollegen, dass man selbst, Gottseidank, nicht in der Luft zerfetzt wurde; das Blutspenden beim Roten Kreuz. Der Zugverkehr zwischen Brüssel und Außenbezirken wie unseren ist gesperrt, die Menschen organisieren über die sozialen Medien Mitfahrgelegenheiten, um irgendwie nach Hause zu kommen. Ich gehe kurz einkaufen, an der Kasse klebe ich, wie fast alle in der Schlange, an meinem Smartphone. „Il y a des nouvelles?“ – „Gibt es Neuigkeiten?“, fragt die Kassiererin – „Nein“, sage ich, „keine neuen Bomben“.

Die Situation: Die Metro-Station Maelbeek liegt auf der Rue Arts/Loi, an der sich ein EU-Gebäude an das andere reiht. Meine katalanische Freundin Raquel wird aus der Gefahrenzone gebracht, sie sagt: „Wir sind auf die Straße direkt in das Grauen gelaufen. Einige meiner Freunde können noch immer nicht über das Gesehene sprechen, ohne in Tränen auszubrechen.“

Pariser Anschläge: Panik

Eigenartigerweise scheint sich die Stadt diesmal viel schneller zu erholen, als nach den Anschlägen von Paris: Damals, im November, breitete sich die Panik wie ein Feuersturm in Brüssel und Umgebung aus, alle Veranstaltungen, bis hin zum Kindertheater, wurden ausnahmslos abgesagt, die Metro gesperrt, die Schulen geschlossen, Busfahrer bekamen Gefahrenzulage, die Bevölkerung wurde nicht nur gebeten, zu Hause zu bleiben, sondern auch, die Fenster zu meiden – damit man nicht von einem Querschläger getroffen wurde. Brüssel ist gespenstisch leer, einige Touristen irren herum, vorbei an den Soldaten und den Panzern am Place Sablon, vor den weltberühmten Schokoladegeschäften. Mein Mann und ich gehen trotz Bedenken ins Kino – man soll ja die Terroristen nicht gewinnen lassen, nicht wahr. Das ist allerdings eine selten dämliche Aussage: Die Terroristen haben ganz eindeutig bereits mit (sprichwörtlichen) Bomben und Granaten gewonnen. Denn: Wir schaffen es nicht, den eigentlich fetzigen James Bond wirklich zu genießen – statt des preußischen Überschurken mit flauschiger Mietzekatzi am Schoß flimmert ein fiktiver Bombenanschlag in Hamburg über die Leinwand, der gerade von der Realität in Paris mit 130 niedergemähten Menschen rechts außen überholt wurde. Ich schiele auf die Eingangstüren des Kinosaals und denke mir, wenn sie jetzt hereinstürmen, sind wir beide tot – ich muss meine Schwester noch heute fragen, ob sie die Kinder zu sich nach Wien nimmt, und einen Termin beim Notar ausmachen, um das Testament regeln zu lassen. Eine Woche später mache ich mit meiner Tochter Weihnachtseinkäufe in einem Shopping Mall in Louvain-la-Neuve, das ist, denke ich, sicherer als Brüssel. Und trotzdem: In jedem Geschäft checke ich die Notausgänge, sage mir immer wieder vor: Es klingt wie knallende Champagnerkorken, wenn sie anfangen zu schießen. Deswegen nehme ich auch nur meine Tochter mit, nicht meinen Sohn: Ein Kind kann ich tragen und rennen, zwei nicht. (Außerdem, zusätzlicher Bonus: Man erspart man sich das ewige Gestreite zwischen einem 8- und einer 6-Jährigen.)

Brüsseler Anschläge: Fatalismus

Und diesmal, als es in der eigenen Stadt knallte? Die wenigsten Veranstaltungen wurden abgesagt. Die U-Bahn fährt – ok, sie bleibt nicht in jeder Station stehen, und sie fährt nur zwischen 7 und 19 Uhr, aber immerhin. Allerdings werden die Menschen regelmäßig aus den Zügen und Straßenbahnen geholt, um Kontrollen durchzuführen. Das ist nervtötend, beschwert sich meine Putzfrau, „wenn ein Terrorist uns töten will, dann tut er das sowieso im Moment der Kontrolle. Das einzige, was es bringt, ist, dass ich dauernd zu spät zur Arbeit komme.“ In Brüssel selbst ist (außer an der Gedenkstätte am Place de la Bourse) fast nichts zu merken, wir spazieren am Samstag über die Einkaufsmeile Toison D’Or, volle Geschäfte, volle Trottoirs, die (wenigen) Militärtrucks fügen sich mittlerweile nahezu harmonisch in das Straßenbild. Denn es scheint fast, als sei der Vorrat an grenzenlosem Entsetzen, Angst um die Kinder, um sich selbst, einfach aufgebraucht – die Menschen sind zu erschöpft, um sich nochmals dermaßen lähmend fürchten zu können. Fatalismus pur, bestätigt ein deutscher Freund: „Ich war gestern im Café Belga, der Laden war proppenvoll. Wenn sie einen schon erschießen, dann in der Frühlingssonne am Place Flagey, bei einem Glas Leffe und einem Tartine à l’américaine.“

Ähnlich scheinbar gelassen die Situation in der Schule: Nach der Schweigeminute für die Opfer betonen die Lehrer die Wichtigkeit, ruhig sein Leben weiterzuleben, berichtet mein Sohn. Dann fragt er: „Mami, wie lange brauchen die Terroristen eigentlich?“ – „Für was mein Schatz?“ –„Na, zum Vorbereiten auf einen Anschlag.“ – „Äh, ich weiß nicht – einige Monate, ein Jahr...?“ – „Ah, dann ist’s ja gut. Dann haben wir ein paar Monate Ruhe. Ich fahr schnell rüber zu Léopold und sag es ihm.“ „Ok Schatz...“ Ich bringe es nicht übers Herz, ihm zu sagen, dass ich erstens keine Expertin bin, und es zweitens keine Garantie für „ein paar Monate Ruhe“ gibt.

Ein neuer Abendmarkt

Nein, die Folgen sind diesmal versteckter: Bekannte, die nicht mehr Metro fahren, sondern nur noch mit dem Taxi; ich nehme nicht wie geplant den Zug nach Köln, sondern fahre mit dem Auto (und gerate an der Grenze, wie alle aus Belgien, in eine deutsche Militärkontrolle); oder eine unerwartete umweltfreundliche Folge, wie eine Freundin vom Hanse Office Brüssel berichtet: „Bei uns fahren jetzt alle mit dem Fahrrad ins Büro. Hey, vielleicht wird Brüssel ja endlich zu einer fahrradfreundlichen Stadt!“ Indirekter Öko-Terrorismus, quasi. Und dazu kommen natürlich der nicht absehbare wirtschaftliche Schaden aufgrund des gesperrten Flughafens oder Freunde, die jetzt „lieber doch nicht zu Besuch nach Brüssel kommen – wegen der Terrorgefahr.“

Auch wegen der Stimmung in der Stadt, denn die hat sich unwiderruflich verändert. Raquel sagt: „Jeder kennt jemanden, der jemanden verloren hat, oder der verletzt wurde. Jeder hat einen Kollegen, der fünf Minuten vor der Attacke aus dieser Metro gestiegen ist. Wir werden lernen, damit zu leben, weil wir keine andere Wahl haben. Diese Welt unter permanenter Bedrohung – das ist unsere neue Normalität.“ Was nicht bedeutet, dass sich die Brüsseler geschlagen geben: Am 19. April eröffnet beispielsweise ein neuer Abendmarkt am von Kaffeehäusern und Bars umkränzten beliebten Place du Luxembourg. Und Raquel und ich fahren im Mai auf einen Tagestrip nach Amsterdam – mit dem Zug.

unserer Korrespondentin Lydia Unger-Hunt, Ärzte Woche 18/2016

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben