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Leben 3. Mai 2016

Wirtschaftswunder via Internet

Wenn Jungmediziner Unternehmen gründen, verzichten sie auf nichts.

Sie wollten ihr Medizinstudium finanzieren aber mehr als „nur“ den Standardjob verrichten: Mediziner die eine Idee hatten, diese in die Tat umsetzten und ein Unternehmen gründeten.

Sie haben kaum noch ein Privatleben, sie stecken jeden übrigen Cent in ein Projekt, von dem sie nicht wissen, ob es jemals erfolgreich sein wird, aber sie empfinden das nicht als Verzicht. Wir wollen Ihnen fünf Mediziner mit erfolgreichen nicht-medizinischen Unternehmen vorstellen, beispielhaft und als Anregung für viele andere.

„Es hat uns einfach interessiert“ ist das gemeinsame Band der Neo-Manager. Und sehr oft auch eine gesunde Portion Naivität, die sich als Vorteil herausstellte. Dr. Jama Nateqis Datenbank war nach Ansicht erfahrener Experten einfach unmöglich. Dr. David Gabriel schildert, dass er eine Anfrage gleich als Auftrag verstand und keine Sekunde daran dachte, dass es auch schief gehen könnte. Ach ja: Gutes Zeitmanagement, Verhandlungsfähigkeit und wirtschaftliches Verständnis gehören auch zum Rezept, wobei vor allem die beiden letzten Punkte so mancher der Mediziner erst lernen musste. Fast alle begannen mit kleinen Projekten, die langsam wuchsen und durch die die späteren, größeren Projekte querfinanziert werden konnten.

Nextdoc bringt Medizinstudenten zusammen

Dr. Wilfried Krois, Kinderchirurg am Wiener AKH, studierte zunächst Informatik, wo der Austausch über Internetplattformen schon lange üblich war. Nach dem Wechsel zum Medizinstudium lag für ihn nahe, auch mit seinen neuen Kommilitonen auf diesem Weg zu kommunizieren. Und da noch keine Onlineplattform für Mediziner existierte, programmierte er sie einfach selbst. „Durch Mundpropaganda sprach sich das auch schnell in meinem Studienjahrgang herum, die Plattform wuchs und gemeinsam mit Kollegen haben wir sie noch um wesentliche Bereiche rund um das Medizinstudium erweitert, etwa Fragensammlung und Abteilungsevaluierungen“, erzählt Krois. So entstand medizinstudium.at und in weiterer Folge nextdoc.at – die Plattform für Jungärzte.

„Der gesamte Gründungsprozess war eigentlich learning by doing“, sagt Krois. Anfangs war der Kapitaleinsatz auch sehr gering, da der Server noch klein war und die Programmierung von Krois und seinen Freunden selbst übernommen wurde. „Es dauerte Jahre, bis wir den Schritt zur Firmengründung wagten“, sagt er. Dieser war durch das Wachstum des Portals und die damit erhöhten Kosten für Server und Betreuung notwendig. Gleichzeitig konnten nun auch Werbeeinnahmen lukriert werden. Krois: „Mir war immer wichtig, das unser Angebot für die User kostenlos ist.“

DocSolution – Jobbörse und Weiterbildung

Dr. Philipp Wimmer von Docsolution gründete seine Firma 2012 zusammen mit seinem Studienkollegen Roland Scholz im letzten Studienjahr. Ihre Firma „DocSolution“ bietet Fortbildungsveranstaltungen sowie deren Organisation und betreut die Job- und Karriereplattformen docjobs.at , medcareer.eu sowie die Plattform jungmediziner.at , auf der sich Kollegen austauschen können.

„Uns hat es an qualitativ hochwertigen Weiterbildungskursen gefehlt, die auch praktische Fertigkeiten vermitteln“, sagt Wimmer. „Eigentlich sollte es eine Non-Profit-Organisation werden, aber wir benötigten die Unterstützung großer Firmen und wurden als Studenten mit einem Verein von einigen eher belächelt als unterstützt. Durch die Firmengründung bekam unsere Idee den professionellen Touch, den wir brauchten, um mit den Med-Tech-Firmen ins Gespräch zu kommen. Typisch österreichisch war auch, dass mit dem Erwerb des Doktortitels von einem Tag auf den anderen alles leichter ging.“ Finanziell half die WKO mit ihrem Gründerservice, die passenden Förderungen zu finden.

Symptoma.com hilft bei der Diagnose

Noch viel früher als alle anderen begann Dr. Jama Nateqi, Sohn afghanischer Flüchtlinge, seine Karriere – gemeinsam mit einem Freund, Thomas Lutz. Schon mit 16 Jahren gründete die beiden, damals noch in Deutschland, Mathematik-Nachhilfe im Internet auf dem Portal matheboard.de . Damit und mit weiteren Onlineplattformen finanzierte er sich das Medizinstudium an der Paracelsus-Universität in Salzburg. Und begann, an eine Datenbank zu denken, die den Ärzten bei der Diagnosestellung helfen sollte. „Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist, ausgerechnet im dritten und anstrengendsten Studienjahr ‚SYMPTOMA‘ zu gründen“, erzählt er. „Wir haben uns das zuerst sehr einfach vorgestellt: Man hat eine Liste der Krankheiten und Symptomen, da fügt man noch die Statistiken dazu und fertig ist die Sache.“

So einfach ist es freilich nicht, wie sie bald feststellten. Inzwischen – nach sieben Jahren und rund 2,5 Millionen Euro Investition – haben Nateqi und sein Partner eine Software entwickelt, die imstande ist, medizinische Fachartikel zu lesen und auszuwerten. Und „die wahrscheinlich größte Krankheitsdatenbank der Welt“ (Nateqi) aufgebaut – mit Verknüpfungen zu Symptomen, Risikofaktoren, Häufigkeitsstatistiken und einigem mehr. Das Geld kam von den Umsätzen der Datenbank (der Zugang kostet zwischen 25 und 100 Euro monatlich), die in Deutsch und Englisch zur Verfügung steht, Forschungsförderungen und zuletzt einem Großinvestor.

Austrian Health – „Ist ein Arzt an Bord?“

Ein quasi Spätberufener war Dr. David Gabriel, der sein erstes Unternehmen gründete, als er schon etwa sieben Jahre als Arzt gearbeitet hatte. Für ihn war sein Hobby, die Fliegerei, der Auslöser. Als Erstes begann der Verkauf von gebrauchten Kleinflugzeugen. „Ich hielt damals auch Vorträge über Fehlermanagement in der Fliegerei und dabei kam auch das Thema von Notfällen in Flugzeugen zur Sprache“, erzählt Gabriel. Er beschloss, gemeinsam mit Dr. Joachim Huber, einen kleinen Kurs zu „Erste-Hilfe im Flugzeug“ zu organisieren. „Wir haben im kleinen Kreis eingeladen, und da standen auf einmal 70 Leute vor der Tür“, schildert er.

Das Interesse war also unverkennbar und so bauten die beiden Ärzte über mehrere Jahre „doc on board“ auf, die ärztliche Kollegen, aber auch Flugbegleiter in Erster Hilfe bei Notfällen im Flugzeug ausbilden. In Tschechien erwarb er zusätzlich eine Firma, die Flugzeugsimulatoren baute und eine für Ultraleichtflugzeuge (LSA) und Flugzeugteile. „Die habe ich dann aber wieder verkauft, weil es mich zur Medizin zurückzog“, sagt Gabriel. Mit „Austrian Health“ hilft er dem Medizintourismus nach Österreich. „Vor allem Russen und Araber kommen nach Österreich, um sich hier behandeln zu lassen“, sagt Gabriel.

Project-E, Sekretärinnen in Afrika

Dr. Wenzel Waldstein-Wartenberg, Orthopäde am AKH Wien, fällt ein bisschen aus der Reihe, denn sein Projekt war kein kommerzielles Unternehmen, sondern die Gründung einer Schule für Sekretärinnen in Addis Abeba. Er hatte davor als freiwilliger Helfer in einem äthiopischen Waisenhaus gearbeitet und die Marktlücke entdeckt: „Es gibt dort ein großes Angebot an mangelhaft ausgebildeten, aber einen sehr großen Bedarf an gut ausgebildeten Sekretärinnen.“

Der Beruf der Sekretärin wurde gewählt, weil einerseits der notwendige finanzielle Einsatz bei der Gründung der Schule geringer war als etwa bei technischen Berufen, andererseits Waldstein-Wartenberg auch die Qualität der Ausbildung selbst beurteilen können wollte. Geplant war, dass die fertig Ausgebildeten einen Teil ihres Einkommens der Schule zurückzahlen, um deren Erhalt zu garantieren.

„Das hat nicht so gut funktioniert, wie wir hofften“, gibt Waldstein zu. „Es ist uns allerdings wichtiger, dass die Absolventinnen dem Projekt verbunden bleiben und auch als Vorbilder für aktuelle Studentinnen fungieren, als das wir sie zur Rückzahlung zwingen möchten. Bisher konnten 75 junge Frauen die Ausbildung erfolgreich abschließen und einen gut bezahlten Job finden.“ Er selbst hat das Projekt kürzlich abgegeben: „Das war ein Studentenprojekt und das soll es auch bleiben.“

Einhellig bei allen Befragten ist auch die Antwort, ob sie es wieder tun würden: „Ja!“ Wobei einige dazu sagen: „Vielleicht ein bisschen anders.“

Livia Rohrmoser, Ärzte Woche 18/2016

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