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© S. Gollnow / dpa
Hirn-Form: das Neuroscience Institute (INI) in Hannover
 
Leben 3. Mai 2016

Die Form folgt der Funktion

Spitalsgeschichte: Strikte Grenzen zwischen Gesunden und Kranken gibt es erst seit 1800.

Vor 200 Jahren löste die Reparatur des Körpers die Rettung der Seele ab. Der Wandel spiegelte sich auch in der Krankenhaus-Architektur wieder.

Die Architektur des International Neuroscience Institute in Hannover (INI) ist einzigartig, sie ähnelt einem menschlichen Gehirn. Das Design der Spitäler war nicht immer so exotisch, wie es jetzt mitunter ist – denkt man etwa an Frank Gehrys Glitzerbau in Las Vegas, wo man die strikte Trennung zwischen Kranken und Gesunden aufhebt (s.S.4). Doch handelt es sich dabei um keinen radikal neuen Ansatz. Das hat Springer-Autor Dr. Axel Karenberg 2007 aufgezeigt („Geschichte“, in: „Zukunftsoffenes Krankenhaus“).

Medizinhistoriker verweisen demnach häufig auf den epochalen Funktionswandel, der Stätten für Bedürftige um 1800 zu Häusern ausschließlich für Kranke umformte. Der geistlich-religiöse Zufluchtsort des Mittelalters und der frühen Neuzeit entwickelte sich zur säkularisierten modernen Behandlungsstätte, in der die „Maschinerie des Heilens“ und die „Reparatur des Körpers“ die „Rettung der Seele“ und den „guten Tod“ ablösten.

Während viele Spitäler oft nach kurzer Zeit unbrauchbar wurden, scheinen andere fast „für die Ewigkeit“ fortzubestehen. In Paris ist das erste Spital des Bischofs, das spätere Hôtel-Dieu, schon um 660 n. Chr. in zentraler Lage nordwestlich der Kathedrale Nôtre-Dame auf der Seine-Insel nachweisbar.

In einer der weitläufigsten Spitalsanlagen Europas hat man über Jahrhunderte nicht nur die Werke der Barmherzigkeit ausgeübt; ihre Säle bildeten gleichzeitig die Keimzelle der französischen Chirurgie und Geburtshilfe. Im Gegensatz dazu stehen die „Eintagsfliegen“ der Hospitalsgeschichte. Der „Wiener Narrenturm“, 1784 als Neubau entstanden, erfüllte den ihm zugedachten Zweck nur wenige Jahre.

Eine nachhaltige Verbindung von hygienisch-medizinischen Vorstellungen und Krankenhausbau ist erst in den Planungen der Pariser „Académie Royale des Sciences“ zu erkennen. Nach Prüfung mehrerer Projekte kam man 1788 zu der Überzeugung, nicht ein kompaktes Zentralkrankenhaus, sondern eine dezentrale Anordnung von Einzelgebäuden sei das Vorteilhafteste. In heutiger Sprache ausgedrückt, empfahl man: eine Begrenzung des Bauvolumens unter besonderer Berücksichtigung optimaler Lüftungsmöglichkeiten, eine strenge Regelhaftigkeit der Grundrisse und eine strikte Raumdisposition nach differenzierten Nutzungsbereichen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts vollzog sich der Schritt zu den heutigen mehrgeschossigen, miteinander verbundenen Gebäudeanlagen. Das wichtigste Gegenargument lieferte die Medizin selbst: Robert Koch demonstrierte, dass der direkte Kontakt eine wesentlich größere Rolle spielt als eine vermeintliche Luftinfektion.

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